Die lokale Kirche stärken

Gottesgrüner Kirche

Gottesgrüner Kirche

Es ist der zweite Beitrag infolge, der sich mit den kleinen Gemeinden auf dem Lande bzw. mit der Kirche vor Ort beschäftigt. Das ist mir immer schon ein Herzensanliegen, weil ich glaube, dass die lokale Kirche  in unserer  (evangelischen) Kirche die wichtigste Kraft ist, die das Evangelium zu den Menschen bringt. Als ich vor 25 Jahren als Pfarrer im Altenburger Land begonnen habe, begann ich in einer Kirche der kleinen Gemeinden zu arbeiten. Sie ist auch heute noch eine Kirche der kleinen Gemeinden trotz aller Strukturreformen. In den Gemeinden in denen ich damals meinen Dienst begann, begegneten mir manchmal die Gemeindeglieder dort mit der Aussage: “Wir sind die Letzten – nach uns kommt niemand mehr!” Gott sei dank, das hat sich nicht bewahrheitet. Nach wie vor existieren die kleinen Gemeinden noch und sind noch recht aktiv. Nach wie vor existiert die lokale Kirche vor Ort noch – auch wenn sie umstrukturiert und sogar von der Kirchenleitung manchmal recht stiefmütterlich behandelt wurde. Denn leider gab es in der Kirche genauso wie in der Gesellschaft das Bestreben alles zu zentralisieren, sogenannte Hauptgemeinden zu gründen und zu Zentralgottesdiensten und Zentralveranstaltungen einzuladen, alles auf einen Ort zu konzentrieren.

Das letzteres nicht funktioniert, weiß ich schon durch eigene Erfahrung aus den siebziger Jahren in meiner Heimatgemeinde. Mein damaliger Heimatpfarrer hat ab und an in der Hauptgemeinde zum Zentralgottesdienst eingeladen. Bis auf ein paar recht treue Gemeindeglieder ließen sich die Leute aus den Filialgemeinden kaum bewegen zu kommen. Das hat sich auch heute am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht geändert. In meinen Dienst als Pfarrer habe ich mich daher immer bemüht das gemeindliche Eigenleben gerade der kleinen Gemeinden zu stärken. Und das mit Erfolg.

Gesellschaftlich gesehen findet in der Zeit der Globalisierung gerade die Wiederentdeckung des Lokalen statt. Darum hat die Kirche im Dorf, die Kirche im Ort die besten Chancen den Menschen zu begegnen. Gerade auf dem Lande ist die Kirche (als Gebäude) noch immer eine wichtige Identifikationsfigur für den Ort. Von daher lassen sich hier viel eher auch Nichtchristen z.B. bei der Unterhaltung des Gebäudes ansprechen. Es funktionieren oft die zwischenmenschlichen Kommunikationsstrukturen besser. Durch die Beteiligung am lokalen Geschehen ist die lokale Kirche mit bei den Menschen. Sie kann sich wirklich als ganzes senden lassen.

In den letzten Jahrzehnten fand an manchen Stellen eine gewisse Entmündigung der lokalen Kirche statt. Ihr eigene Kompetenzen wurden teilweise auf nächst höhere Ebenen verlagert. Diese Entwicklung sollte gestoppt und rückgängig gemacht werden. Sie sollte neu gestärkt werden und mit den Menschen vor Ort sollten neue Strukturmodelle entwickelt werden. Überhaupt benötigt die lokale Kirche mehr Freiraum für ihre Entwicklung. Sie darf nicht mehr auf eine Parochialgemeinde eingegrenzt werden, sondern darf auch eine Funktional-, Richtungs-, Personal- und was auch immer Gemeinde sein. Sicher sollte sie eine Gemeinde sein, die zu dem Bekenntnis ihrer Kirche steht – sozusagen als Standbein – und sogleich in ihrer Vision und ihrem Dienst frei zu handeln – als Spielbein.

In dem Buch “Leuchtfeuer oder Lichternetz: Missionarische Impulse für ländliche Räume” schreibt Thomas Schlegel in seinem Artikel “Regionale Ausstrahlung oder Dienst vor Ort?”, dass die lokale Kirche die größte Chance hat eine missionale Kirche sein zu könne. Missional meint, sich den Menschen in der Welt zu zuwenden, also auch wirklich zu ihnen hin zu gehen. An und für sich ist das recht logisch – Kirche kann immer nur zwei Dinge tun entweder vorrangig mit sich selbst beschäftigen oder zu den Menschen gehen. Die Gefahr mit sich selbst zu beschäftigen, besteht auch in einer lokalen Kirche. Doch dann ist die Gefahr recht groß sich zu zerreiben. Darum hat eine lokale Kirche, die die Menschen im Blick hat, größere Chancen missional zu sein. Das heißt sie wendet sich ihnen zu und geht zu ihnen hin. Die lokale Kirche berücksichtigt am Ehsten die Lebensweisen und Milieus der Menschen. Thomas Schlegel schreibt davon, dass die Milieus eines Dorfes von der Mentalität eines Dorfes überlagert werden können. Das kann ich nur 100% bestätigen. Egal wie groß die Dörfer waren, jedes Dorf hat seine Mentalität, die durch die Jahrhunderte hindurch gewachsen ist. In zwei meiner ehemaligen bzw. aktuellen Pfarrdörfer macht sich das sogar durch Slogans deutlich: “Nobitz bleibt Nobitz!” “Wir Fraureuther alle!” Diese Mentalität des Dorfes hat einen starken Einfluß auf die lokale Kirche. Aber genau darum ist die lokale Kirche so wichtig, denn sie kann genau diese Mentalität aufnehmen und in ihre gelebte Verkündigung einbauen.

Die lokale Kirche von heute wird inhaltlich eine andere sein als die vor 25 Jahren. Auch strukturell muss sie anders gestaltet werden. Die lokale Kirche von vor 25 Jahren konnte rundherum von Hauptamtlichen betreut werden. Das hat sich im Osten Deutschland aber auch im Westen Deutschland radikal geändert. Das geht nicht mehr, aber genau hier liegt die Chance der lokalen Kirche. Hier liegt die Chance das die lutherische Reformation mit dem Priestertum aller Gläubigen endlich nach 500 Jahren verwirklicht werden kann.

Doch die lokale Kirche kann nicht allein existieren. Sie kann nicht alles allein verwirklichen. Sie braucht die Partnerschaft mit anderen: mit anderen Gemeinden, mit anderen lokalen Kirchen innerhalb ihrer Kirche, mit der zentralen Kirche, mit anderen lokalen Kirchen in der Ökumene. Da fällt uns sicher sofort das Wort Region und Regionalisierung ein. Das klingt aber recht unsympathisch, weil es negativ vorbelastet ist. Es klingt wie Vereinnahmung, wie Benachteiligung, wie Zukurzkommen. Darum vielleicht besser gemeinsam in einem Gemeinde-Netzwerk. Jede lokale Kirche ist gleich wichtig und gleich wertvoll. Jeder hat seine Aufgaben, hat seine Funktionen, seine Verantwortungen. Jeder ist dem anderen ein Partner. Es sind die Gemeinden, die lokalen Kirchen, die sich miteinander verbinden, die miteinander kommunizieren. Manchmal auch gegen die Interessen der zentralen Kirche oder der Hauptamtlichen. Aber das Netzwerk darf dennoch nicht unverbindlich sein, sondern bedarf der festen Verbindung und der Zuverlässigkeit. Wenn dann (theoretisch) einer aussteigt, muss das den anderen richtig weh tun.

Jesus betet für seine Jünger und für uns:

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

Johannes 17,20-21

 

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