Ein Plädoyer für die kleinen Gemeinden – besonders auf dem Lande

Die kleine Dorfkirche von Kötschau

Die kleine Dorfkirche von Kötschau

Immer wieder macht es in der evangelischen Kirche die Runde, wenn es um Strukturveränderungen geht, dass kleine Gemeinden ihre Selbständigkeit aufgeben sollen. Kleine Gemeinden – damit sind Gemeinden vielleicht mit so etwa unter 100 Gemeindglieder gemeint, manchmal sogar unter 200 Gemeindeglieder. Bei der Weitergabe der Haushaltsmittel werden diese gegenüber großen Gemeinden sehr oft benachteiligt. Es wird ihnen dann prozentual weniger überwiesen. Dabei finden wir in Ihnen oft ein viel aktiveres und lebendigeres Gemeindeleben als in den großen Gemeinden. In ihnen finden wir viel Glaubenskraft und Energie. Für viele Christen geben gerade kleine Gemeinden in Zeiten der Veränderung einen Ort der besonderen Heimat und Geborgenheit. Ich selber stamme aus so einer kleinen Gemeinde. Darum kenne ich ihre Vorzüge und vielleicht auch die Nachteile.  Aber auch da, wo selbst in den kleinen Gemeinden nur wenige aktiv sind, haben diese ihre Daseinsberechtigung. Hat nicht Jesus uns vorgegeben, was Gemeinde ist: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt. 18,20) Natürlich ist das die Minimalform einer Gemeinde.

Sehr oft besteht nicht nur das Interesse für das kleine Kirchlein am Ort, das renoviert werden muss, bei den Christen allein, sondern mancher Nichtchrist ist bereit sich zu engagieren und Geld zu opfern, dass die Kirche sicher erst einmal als Gebäude, als Kristallisationspunkt, als historischer Wert im Dorf bleibt. Doch bietet sich nicht gerade hier wieder die missionarische Chance der Begegnung?

Und warum soll eine Gemeinde nicht mehr am Leben bleiben, wenn sich in einem Dorf mit 30 Einwohnern Sonntags 5 Gemeindeglieder in einem Kirchlein, welches von denen unterhalten wird, zum Gottesdienst versammeln. Die Frage ist natürlich, muss bei dem Gottesdienst immer ein Pfarrer oder eine Pfarrerin dabei sein. Ich denke nicht.
Der Kirchenkreis Egeln hat es mit seiner Gemeindeagende gezeigt, wie es geht, wie man auch ohne Hauptamtliche in kleiner Zahl Gottesdienst feiert. Das stärkt doch die Gemeinde. Wenn diese Regelmäßigkeit gegeben ist, dann ist man bereit mit anderen gemeinsames zu tun, über den Kirchturm zu sehen und ein Netzwerk aufzubauen. Darum brauchen wir die kleinen Gemeinden. Ein Netzwerk kleiner und großer Gemeinden, die miteinander verbunden sind, die sich gegenseitig stärken und tragen. Wenn die kleine Gemeinden nicht da sind, haben wir Löcher in dem Netz! Es entsteht ein Defizit. Natürlich können die kleinen Gemeinden nicht von den Hauptamtlichen rundherum betreut werden, aber meine eigene Erfahrung zeigt, das wollen sie meistens auch nicht. Es wächst viel Eigeninitiative, Engagement und Einsatz.

Das Ja zu den kleinen Gemeinden erfordert ein Überdenken gegenwärtiger Verwaltungs- und Leitungsstrukturen von Gemeinden. Es steht dabei die Herausforderung, dass das gegenwärtige parochiale System nicht mehr überall so in der gegenwärtigen Struktur durchgehalten werden kann. Kleine Gemeinden sind mit großen Verwaltungsaufgaben, die oft von den Landeskirchen gefordert werden, überfordert. Dafür fehlt ihnen die Struktur und sie würden damit der Kraft ihrer Entwicklung, besonders im missionarischen und diakonischen Bereich beraubt. Da gibt es die Möglichkeit, ähnlich wie im kommunalen Bereich, solche Dinge gemeinsam zu tun.

Die Frage der Gemeindeleitung in den kleinen Gemeinden muss man neu überdenken. In meiner Kirche ist die Mindestzahl von Kirchenältesten 4. Warum reichen nicht eigentlich 2?

Manchmal kann es für eine kleine Gemeinde sehr hilfreich sein, sich einer ganz bestimmten Aufgabe zu widmen. Vielleicht dass ihre Kirche ein Pilgerkirche oder eine Radfahrerkirche ist, dass sie bestimmte Ausstellungen organisieren, dass bestimmte Konzerte stattfinden, dass in ihr Taizé-Andachten stattfinden, dass besondere Gottesdienstformen erlebbar sind usw.

Eine kleine Gemeinde mit einer kleinen Gemeinde ist der Ort, wo sich Gemeindeglieder viel schneller zum mitmachen einladen lassen, weil die Aufgaben schon wegen der Größe überschaubarer sind, weil die Zahl der Besucher begrenzt ist, weil man sich kennt. Eine kleine Gemeinde ist ein gutes Übungsfeld für das Priestertum aller Gläubigen.

Gemeinde ist eben nicht nur in Zahlen auszumachen – Gemeinde muss erlebbar sein. Als Kirche müssen wir wegkommen von der Entweder-Oder-Politik hin zum Sowohl-Als-Auch und müssen viel freier umgehen mit unseren Strukturen. Wie heißt es s schön: Die Strukturen müssen der Sendung und der Aufgabe folgen und nicht die Sendung und Aufgabe den Strukturen.

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