Open-Source-Netzwerk – ein Bild für emergente Kirche

Da ich ja von Haus aus Informatiker bin, gefällt mir dieses Bild besonders sehr. Ich habe es beim Säemann gefunden und möchte ihn kommentieren:

Emergente sind der Ansicht, daß die Kirche eher wie ein Open-Source-Netzwerk funktionieren sollte als wie eine Hierarchie oder Bürokratie.

Eine Vernetzung ist in der christlichen Gemeinde wichtig, weil sie lebt ja in besonderer Weise vom Geben und auch Nehmen ihrer Glieder. Wo Kirche zur Hierarchie und zur Bürokratie verkommt, ist sie zum Sterben verurteilt. Wo Kirche nur noch verwaltet wird, kann sie sicher noch eine ganze Zeit existieren, sie verliert aber ihren Lebenszweck – Menschen zu Jesus Christus zu führen, ihnen die Liebe Gottes nahe zu bringen und als Gemeinschaft zu verbinden. Natürlich ist so ein offenes Netzwerk angreifbar. Auch Verletzungen wird es geben. Doch wer sich von Jesus anstecken lässt, wird auch bereit sein zu vergeben und Vergebung anzunehmen.

Die emergente Bewegung besitzt nicht den einen Repräsentanten und niemand weiß, wie groß sie ist und wer zu ihr gehört oder nicht. Darin unterscheidet sie sich von früheren Gemeindebewegungen. Einzelpersonen, Gemeinden und Gruppierungen sind durch ein Netz von Beziehungen miteinander verbunden.

Für das Bild der Kirche stimmt das nur bedingt. Jede Gemeinde wird sicher nach wie vor eine Gemeindeleitung haben. Wie sie aussehen wird, das steht auf einem anderen Blatt. Es wird auch Verbindungen von Gemeinden geben, die dann auch miteinander leitende Strukturen entwickeln. Ich denke, dass ist etwas ganz menschliches. Aber es wird auch Vernetzungen von Gemeinden geben, welche unterschiedlich strukturiert sind, und dennoch eine ähnliche Aufgabe haben. Da der Begriff emergent nicht etwas ist was man komplett fassen kann, wird es in der emergenten Kirche offene Strukturen geben. Genauso wie beim Open-Source-Netzwerk wird es aber auch hier gewisse Regularien geben.

Folgende sechs Eigenschaften der Internetenzyklopädie Wikipedia helfen zum Verständnis des emergenten Christentums:

Offener Zugang: Emergente Gemeinden stellen die Leiterschaftsstrukturen gewöhnlicher Gemeinden in Frage und entwickeln ihre eigenen Strukturen, indem sie z.B. im Kreis angeordnet sitzen, den Gebrauch von Mikrophonen abschaffen und sich in Cafés, Kneipen oder Wohnzimmern treffen.

Nun das ist keine Erfindung von emergenten Gemeinden. Solche Strukturen gibt es auch bei herkömmlichen Gemeinden. Denken wir an die Hauskreisarbeit in vielen Gemeinden. Ob die Mikrofone abgeschafft werden müssen, hängt sicher von der Aufgabe und Struktur der Gemeinde ab. Andere setzen dann Laptop und Beamer ein. Wichtig ist der offene Zugang zur Gemeinde und der kann verschieden sein. Bei uns in Fraureuth passiert das z.B. durch das Zelt, welches wir ab und an aufstellen und das viele Menschen anspricht.

Vertrauen: Viele Emergente glauben, daß wenn sie gemeinsam ihre Glaubensüberzeugungen “editieren”, alle besser dran sind. Darum experimentieren sie mit Predigten, die von mehreren Personen gemeinsam vorbereitet wurden, Vermittlung von Lehre im Dialog und Online-Diskussionen über vergangene und zukünftige Predigtthemen. Der Pastor, der Theologie studiert hat, bringt seine Erfahrung mit an den Tisch, genauso wie das der Gärtner oder Quantenphysiker tut. Keiner kann in allen Bereichen der Experte sein, aber wenn alle ihr Wissen zusammenbringen, bringt es die Gemeinschaft voran. Das ist eine hohe Sicht von Gemeinde: Das versammelte Volk Gottes wird in Gemeinschaft mit dem Geist Gottes in der Spur bleiben und an Gottes Wirken in der Welt teilhaben.

Genau das ist es, was eine Gemeinde bereichert. Darum gibt es auch in manchen Gemeinden das Bibelgespräch, wo man sich miteinander über einen Bibeltext austauscht. Sicher ist es so, dass man als Pfarrer oder als Bibelgesprächsleiter für sich selbst einige Vorleistungen bringen sollte, um dann ab und an einige Impulse zu geben. Doch wichtig ist der Dialog über das Wort Gottes. Ich probiere es in einem Bibelstundenkreis. Sicher tun sich die Alten dabei manchmal etwas schwer und oft kommen auch immer wieder ähnliche Aussagen. Doch es gibt auch Bereicherung.

Gegenseitige Rechenschaft: Es ist nicht so, daß emergente Gemeinden gar keine Strukturen mehr hätten. Bei den meisten gibt es Pastoren, ein Leitungsteam, jemanden, der für den Kinderdienst verantwortlich ist oder die Musik für den Gottesdienst koordiniert. Aber diese Rollen sollen es anderen ermöglichen, ihren Beitrag zum Prozess des Kirche-Seins zu leisten, statt ihre Beiträge dadurch abzuschwächen, daß bereits bestimmt ist, was die Gemeinde tun wird oder die Einzelnen glauben werden etc.

Das kann ich nur 100% unterstützen. Es ist nicht gut, wenn einer für immer und ewig auf eine Aufgabe oder Rolle festgelegt ist, sondern es bedarf der Reflektion (was hier mit gegenseitiger Rechenschaft gemeint ist), um immer wieder neue Impulse zu setzen. Das bewirkt Veränderung in der Gemeinde. Wir Menschen hätten oft gern etwas statisches: “Es war immer so und muss so bleiben.” Doch das widerspricht dem Leben und auch allen Netzwerken.

Beweglichkeit: Weil emergente Gemeinden meist relativ klein sind und relativ egalitäre Leitungsstrukturen haben, sind sie sehr flexibel und können in gewissen Situationen schneller Entscheidungen treffen – als eine Bewegung von Aktivisten eben.

Der Begriff klein ist relativ. Es gibt Gemeinden mit 20 Gemeindegliedern, die in ihren Leitungsstrukturen starr sein können. Wiederum können Gemeinden mit 1000 oder 2000 Gemeindegliedern recht flexible Leitungsstrukturen haben. Ich denke, dass das viel mehr ein Problem der Kommunikation und des Informationsausstausches ist.  Das Internet bietet da Möglichkeiten des flexiblen Austausches, so wie es auch selbst im folgenden Aufgezeigt wird..

Verbindungsfähigkeit: Die emergente Bewegung ist pionierhaft in weltweiter ökumenischer Konnektivität, weil sie die Möglichkeiten des Internets und günstigen Reisens ausnutzt, um vielfältige Begegnungen und gemeinsamen Austausch zu ermöglichen.

Natürlich sollte das Nutzen der neuen Medien eine wichtige Rolle spielen, aber sie dürfen auch nicht alles sei, was eine Gemeinde bietet. Es wird sie nicht geben – die virtuelle Gemeinde – dazu brauchen wir viel zu sehr die Kommunikation mit unserem Mitmenschen. Es wird Gemeinden geben mit virtuellen Lebensäußerungen. Die Webseite einer Gemeinde ist da so ein kleiner Anfang. Wir wissen aber auch wie schwer sich Gemeinden oft damit tun, diese zu pflegen. Meistens ist sie das Hobby des Pfarrers oder eines Mitarbeiters. Und dann noch andere Möglichkeiten nutzen – der Weg ist noch weit.

Durcheinander: Emergente haben keine Angst vor Risiken und Fehlern, sondern suchen Innovation und Abenteuer. Sie nehmen das Durcheinander menschlichen Lebens gerne an, und ihre Gemeinden legen davon ein Zeugnis ab.

Genau das macht doch Gemeinde aus, die menschlich ist.

Danke, dass ich Fehler machen kann und trotztem Zeuge meines Herrn Jesus Christus bin.

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