Über persönliche Beziehungen, das Pfarramt, überforderte Ehrenamtliche und die Frage, wie christliche Gemeinden in einer säkularen Gesellschaft lebendig bleiben können.

Einleitung: Der vertraute Mensch und die unbequeme Frage
Eine Gemeinde kann ein sorgfältig vorbereitetes Programm haben: einladende Gottesdienste, eine Evangelisationsveranstaltung, einen Glaubenskurs und eine ansprechende Öffentlichkeitsarbeit. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob Menschen, denen Kirche fremd ist, tatsächlich einen Zugang zum Glauben finden. Manchmal beginnt ein solches Gespräch ganz woanders: bei einer Begegnung im Alltag, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder am Rand einer Veranstaltung. Jemand merkt, dass er ernst genommen wird. Erst später kommt die Frage nach Gott zur Sprache.
Aus langer Erfahrung in der Gemeindearbeit halte ich den persönlichen Kontakt für besonders wichtig. Dabei möchte ich weder besondere Gottesdienste noch Evangelisationsabende und Glaubenskurse gering schätzen. Im Gegenteil: Sie eröffnen Räume, in denen Fragen gestellt und christliche Überzeugungen verständlich entfaltet werden können. Doch ein gutes Angebot ersetzt keine Beziehung. Andererseits wäre es ebenso falsch, aus dieser Erfahrung ein allgemeines Gesetz zu machen. Nicht jeder Mensch findet über Freundschaften zum Glauben, und nicht jeder wünscht überhaupt religiöse Gespräche.
Ich möchte daher heute nicht eine neue Erfolgsformel vorstellen. Es geht um eine nüchternere Frage: Wie kann evangelische Gemeinde ihrem Auftrag treu bleiben, ohne Menschen, Hauptamtliche und Ehrenamtliche zu überfordern – und ohne die gesellschaftliche Wirklichkeit zu beschönigen? Dazu müssen wir mehrere Stimmen hören, auch solche, die unseren bevorzugten Vorstellungen widersprechen.
1. Willow Creek: Anregung, Erschütterung und eine notwendige Unterscheidung
Die Willow-Creek-Bewegung hat viele in Deutschland beschäftigt. Ihre Stärke lag unter anderem darin, die Perspektive kirchenferner Menschen ernst zu nehmen, verständlich zu kommunizieren und Mitarbeit bewusst zu fördern. Solche Anregungen konnten nützlich sein, ohne dass man das amerikanische Modell eins zu eins übernehmen musste. Die Frage, wie wir Menschen ohne kirchliche Sozialisation erreichen, war in ostdeutschen Gemeinden ohnehin längst vorhanden.
Der Rücktritt des Gründers Bill Hybels im Jahr 2018 und die Ergebnisse des unabhängigen Untersuchungsgremiums von 2019 erschütterten das Vertrauen. Dieses Gremium bewertete die Anschuldigungen sexuell unangemessenen Verhaltens als glaubwürdig und stellte auch verbale und emotionale Einschüchterung fest. Das ist ernst zu nehmen. Zugleich müssen wir präzise bleiben: Der Bericht war keine gerichtliche Entscheidung, und er führte nicht zu dem pauschalen Urteil, die gesamte Organisationskultur allein habe das Fehlverhalten verursacht. Er empfahl unter anderem bessere Verfahren und Schritte der Aufarbeitung. Die Gemeinde und das internationale Netzwerk verschwanden nicht, erlebten aber eine tiefe Vertrauenskrise. [1]
Damit entsteht eine doppelte Aufgabe. Wir sollten brauchbare Einsichten nicht allein deshalb verwerfen, weil gegen einen prominenten Vertreter glaubwürdige Vorwürfe erhoben und unabhängig geprüft wurden. Ebenso wenig dürfen wir geistliche Erfolge als Entlastungsargument benutzen oder den Betroffenen die Aufmerksamkeit entziehen. Eine Gemeinde ist nicht schon deshalb gesund, weil sie wächst oder viele Menschen erreicht. Glaubwürdige Leitung, Rechenschaft, der Schutz von Menschen und die Möglichkeit zur Kritik gehören zu ihren Maßstäben.
Die Warnung gilt übrigens nicht nur großen amerikanischen Gemeinden. Auch kleine Gemeinden können zu abhängig von einer einzigen Person sein – von einem Pfarrer, einer Kirchenältesten oder einem besonders aktiven Ehrenamtlichen.
2. Ostdeutschland: Nicht nur fehlende Kirchenbindung, sondern oft fehlende religiöse Erwartung
In Ostdeutschland begegnen wir nicht bloß Menschen, die früher einmal zur Kirche gehörten und nun auf Distanz gegangen sind. Für viele Familien ist christliche Sozialisation seit mehreren Generationen keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein grundlegender Unterschied zu Situationen, in denen man nur an verschüttete religiöse Erinnerungen anknüpfen muss.
Die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, deren erste Ergebnisse 2023 erschienen, ordnet in ihrer Typologie 73 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung dem säkularen Orientierungstyp zu. Nach derselben Auswertung sind 77 Prozent der Ostdeutschen konfessionslos. Die beiden Kennzahlen beschreiben unterschiedliche Sachverhalte: religiöse Orientierung einerseits, formale Zugehörigkeit andererseits. Sie dürfen deshalb nicht gleichgesetzt werden. [2]
Man sollte diese Zahlen nicht als Urteil über einzelne Menschen verwenden. Sie zeigen aber, wie begrenzt ein Ansatz ist, der voraussetzt, eigentlich warte fast jeder nur auf eine verständliche Einladung zur Kirche. Manche sind neugierig. Andere bleiben bewusst gleichgültig oder lehnen religiöse Deutungen ab. Beides verdient Respekt.
Dagegen lässt sich einwenden, dass statistische Typen wenig über einzelne Biografien sagen. Das stimmt. Niemand kann aus einer Prozentzahl ablesen, wie ein konkreter Nachbar auf ein Gespräch reagieren wird. Aber genauso wenig dürfen wir einzelne ermutigende Erfahrungen auf eine ganze Region übertragen. Gemeindeaufbau braucht beides: Hoffnung im persönlichen Kontakt und Nüchternheit gegenüber gesellschaftlichen Trends.
Noch etwas ist wichtig: Ein Rückgang der Mitgliederzahl beweist nicht, dass eine Gemeinde geistlich versagt hat. Demografische Entwicklungen, Mobilität, Traditionsabbrüche und der Rückgang religiöser Überzeugungen wirken auf Gemeinden ein. Auch ein guter Gottesdienst und ein engagierter Pfarrer können diese Faktoren nicht einfach aufheben.
3. Persönliche Beziehungen – der Anfang, aber nicht das ganze Evangelium
Warum lege ich so viel Gewicht auf persönliche Beziehungen? Weil sich Vertrauen nicht verordnen lässt. Menschen merken, ob wir uns für sie selbst interessieren oder ob sie in unseren Augen vor allem potenzielle Mitglieder sind. Eine glaubwürdige Begegnung kann Fragen öffnen, die in einem offiziellen kirchlichen Rahmen noch gar nicht gestellt worden wären.
Darin sehe ich auch eine christologische Linie. Die Evangelien erzählen immer wieder, wie Jesus konkrete Menschen wahrnimmt und anspricht: Zachäus, die Samariterin am Brunnen, den blinden Bartimäus. Diese Geschichten sind keine Anleitung zu einem Kommunikationsprogramm. Sie zeigen vielmehr, dass die Zuwendung zum Menschen nicht von dessen vorheriger Zugehörigkeit abhängt.
Dazu passt eine bemerkenswerte kirchliche Einsicht: In den ostdeutschen Leitlinien „Kirche mit Hoffnung“ von 1998 heißt es ausdrücklich, Mission sei vorrangig Beziehungsarbeit. Das Papier verbindet diese Aussage mit Respekt vor den Überzeugungen anderer und der Notwendigkeit einer verständlichen Sprache des Glaubens. [3]
Nun die Gegenfrage: Kann die Betonung persönlicher Beziehungen selbst problematisch werden? Ja, wenn Freundschaft insgeheim als Mittel zur Bekehrung eingesetzt wird. Ja, wenn Menschen bedrängt werden, obwohl sie kein Gespräch über Glaubensfragen wollen. Und ja, wenn christliche Gemeinde bloß zum Netzwerk netter Kontakte wird, in dem die Botschaft von Jesus Christus kaum noch vorkommt.
Deshalb müssen wir zweierlei zusammenhalten: Beziehungen dürfen nicht instrumentalisiert werden; zugleich dürfen Christen offen sagen, was sie trägt. Zuhören und Zeugnis gehören zusammen, aber nicht jede Begegnung muss in ein Glaubensgespräch münden. Ein Nein ist ebenso zu achten wie eine offene Frage.
Auch ist der Weg über persönliche Bekanntschaften keineswegs der einzige. Menschen begegnen dem Glauben in einem Gottesdienst, durch Kirchenmusik, im Religionsunterricht, durch einen biblischen Text, in der Seelsorge oder auch über digitale Angebote. Eine missionarische Gemeinde sollte darum nicht auf eine einzige Methode setzen.
Ein Blick in die eigene Gemeindepraxis macht die Möglichkeiten sichtbar. Menschen fanden über ganz praktische Aufgaben einen Platz: in der Friedhofsarbeit, im Besuchsdienst, in der Kulturarbeit, der Öffentlichkeitsarbeit oder im Archiv. Aus manchen solcher Begegnungen konnten langfristige Bindungen wachsen. Das ist eine persönliche Erfahrung und keine repräsentative Untersuchung; aber sie erinnert daran, dass Beziehungen nicht erst im Kirchenraum beginnen.
4. Der Gottesdienst: mehr als ein Instrument zur Kontaktpflege
An diesem Punkt wird eine theologische Korrektur nötig. Wer den persönlichen Kontakt an die erste Stelle setzt, könnte unbeabsichtigt den Eindruck erwecken, Gottesdienst und Predigt seien nur Mittel, um Beziehungen zu vertiefen. Das wäre aus evangelischer Sicht zu wenig.
Nach den Artikeln V und VII des Augsburger Bekenntnisses gehören die Verkündigung des Evangeliums und die Sakramente zum Wesen der Kirche. Gottesdienst ist nicht bloß ein Angebot unter vielen, sondern der Ort, an dem die Gemeinde aus Gottes Wort lebt und Christus zugesagt bekommt. Artikel XIV erinnert zudem daran, dass öffentliche Predigt und Sakramentsverwaltung einer ordnungsgemäßen Berufung bedürfen. [4]
Daraus folgt allerdings nicht, dass allein die überlieferte Form des Sonntagsgottesdienstes legitim wäre. Gerade die reformatorische Unterscheidung zwischen dem Evangelium und menschlich gestalteten Ordnungen eröffnet Spielräume. Liturgie, Musik, Sprache und Zeitpunkt dürfen so gestaltet werden, dass Menschen verstehen, was gefeiert wird. Das Evangelium soll nicht der Erwartung des Publikums angepasst, aber in einer verständlichen Sprache ausgerichtet werden.
Die KMU 6 bestätigt, dass Gottesdienste für unterschiedliche Menschen Unterschiedliches bedeuten. Unter den Befragten wünschen sich 85 Prozent eine ansprechende Atmosphäre, 70 Prozent eine gute Predigt und 63 Prozent eine moderne Sprache. Diese Werte beschreiben geäußerte Erwartungen; sie sind kein Beweis dafür, welche Gestaltungsform Menschen tatsächlich regelmäßig zum Gottesdienst bringt. [5]
Die Spannung bleibt: Wer nur auf Beziehung setzt, droht die gemeinsame Feier des Glaubens zu vernachlässigen. Wer nur auf den Gottesdienst setzt, erreicht manche Menschen überhaupt nicht. Eine Gemeinde braucht beides: den öffentlich verkündigten Christus und die Menschen, die einander im Alltag begegnen.
5. Pfarrerzentrierung: notwendiges Amt oder hinderliche Abhängigkeit?
Der Vorwurf der Pfarrerzentrierung trifft einen wunden Punkt. In vielen Gemeinden laufen Gottesdienste, Seelsorge, Verwaltung, Veranstaltungen und Entscheidungen auf eine Person zu. Das kann eigenständige Initiativen blockieren. Zugleich ist gerade in kleinen Orten die persönliche Kontinuität einer Pfarrerin oder eines Pfarrers ein großer Wert. Menschen brauchen verlässliche Ansprechpartner. Es wäre unredlich, gewachsene Bindungen als bloße Fehlentwicklung zu behandeln.
Theologisch dürfen wir das ordinierte Amt auch nicht in einer allgemeinen Beteiligungsrhetorik auflösen. Die Kirche lebt nicht allein aus der Selbstorganisation ihrer Mitglieder. Sie lebt von dem Evangelium, das ihr von außen zugesagt wird. Das Pfarramt steht im Dienst dieser Verkündigung und der Sakramente. Damit besitzt es eine andere Begründung als die Zuständigkeit für jedes Gemeindeprojekt.
Gerade hier liegt die Unterscheidung: Pfarramtliche Verantwortung ist notwendig; dauerhafte Abhängigkeit von einer einzigen Person ist es nicht. Gute Leitung macht andere handlungsfähig. Schlechte Leitung – auch wenn sie wohlmeinend ist – zieht Entscheidungen, Aufgaben und Anerkennung immer wieder an sich.
Doch nun die stärkste Gegenfrage: Haben Pfarrerinnen und Pfarrer die Selbstständigkeit verhindert, oder haben die vorhandenen Erwartungen ihnen kaum eine andere Wahl gelassen? Oft wünschen Gemeindeglieder ausdrücklich, dass „der Pfarrer“ kommt, entscheidet oder eine Aufgabe übernimmt. Hinzu kommen Verwaltungsauflagen, Kasualien, mehrere Predigtstellen und die Erwartung, vorhandene Angebote unverändert fortzuführen. Die Ursache liegt also nicht allein beim persönlichen Leitungsstil.
Schon die ostdeutschen EKD-Leitlinien von 1998 warnten davor, dass Stellenabbau und ein unverändertes Aufgabenprogramm Haupt- und Ehrenamtliche überlasten. Sie plädierten dafür, Verantwortung zu teilen und Prioritäten neu zu bestimmen. Die grundsätzliche Einsicht ist also keineswegs neu. [3]
Hier würde ich deshalb nicht von einem einfachen Versagen der Pfarrerschaft sprechen. Wir sollten untersuchen, welche organisatorischen Erwartungen geistliche Zurüstung verdrängt haben und wo es trotz solcher Belastungen gelungen ist, Verantwortung gemeinsam zu tragen.
6. Ehrenamt: Ausdruck der Gemeinde – und kein unbegrenzter Vorrat an Zeit
Wenn Pfarrstellen reduziert werden, fällt schnell das Wort Ehrenamt. Die Hoffnung lautet: Mehr Aufgaben können von Gemeindegliedern eigenständig übernommen werden. Das ist in einem wichtigen Sinn richtig. Eine Gemeinde ist keine Veranstaltung, die Hauptamtliche für Zuschauer organisieren. Sie lebt von unterschiedlichen Gaben, Erfahrungen und Diensten.
Aber der Einwand ist ebenso stark: Wer über Ehrenamt spricht, muss die wirklichen Lebensverhältnisse der Menschen ernst nehmen. Beruf, Kinder, Pflege von Angehörigen, Wegezeiten und gesundheitliche Einschränkungen setzen Grenzen. Nicht jeder, der wenig Zeit für kirchliche Aufgaben hat, verweigert Verantwortung.
Der Deutsche Freiwilligensurvey 2024 verzeichnet 36,7 Prozent freiwillig Engagierte unter den Menschen ab 14 Jahren. Unter Engagierten, die eine Einschränkung oder Beendigung ihrer zeitintensivsten Tätigkeit planen, nennen 62 Prozent zeitliche Gründe; berufliche und familiäre Gründe werden jeweils von 27 Prozent genannt. Diese Werte betreffen freiwilliges Engagement insgesamt und dürfen nicht als Zahlen speziell über evangelische Gemeinden ausgegeben werden. [6]
Die KMU 6 zeigt außerdem, dass Menschen sich aus unterschiedlichen Motiven kirchlich engagieren. Für viele zählen Gemeinschaft und das Dasein für andere stark; religiöse Motive stehen nicht bei allen an erster Stelle. Das ist keine Entwertung ihres Einsatzes. Es warnt nur davor, aus jeder praktischen Mitarbeit auf dieselbe geistliche Motivation zu schließen. [7]
Daraus folgt: Ehrenamtliche brauchen Begleitung, Anerkennung, Qualifizierung und die Möglichkeit, auch Nein zu sagen. Menschen, die leiten, tragen Verantwortung. Zu ihr gehören bei bestimmten Tätigkeiten Fragen des Schutzes von Kindern und Jugendlichen, des Datenschutzes oder der organisatorischen Verlässlichkeit. Solche Verpflichtungen dürfen nicht einfach auf Ehrenamtliche abgewälzt werden.
Wir sollten darum nicht bloß fragen, wer eine frei werdende Aufgabe übernehmen kann. Wir müssen auch fragen, welche Aufgabe künftig entfallen darf. Wenn Hauptamtliche weniger werden, das Programm aber unverändert bleibt, ist Überforderung fast vorprogrammiert. Eine Kirche, die nicht verzichten kann, wird mitunter gerade die engagiertesten Menschen verlieren.
Ehrenamtliche Beteiligung ist Ausdruck gemeinsamer Berufung. Sie darf nicht zum Lückenbüßer für fehlende Finanzierung werden.
7. Geistliche Mündigkeit: Fähigkeiten fördern, ohne Aktivität zu erzwingen
Wir sprechen zu Recht vom Priestertum aller Glaubenden. 1. Petrus 2,9 bezeichnet die Glaubenden als königliche Priesterschaft. Epheser 4,11–16 beschreibt Dienste, die zum Aufbau der Gemeinde beitragen und andere zum Dienst befähigen; 1. Korinther 12 zeigt, wie unterschiedlich die Gaben sind und wie sehr die Glieder einander brauchen.
Diese Texte lassen sich aber nicht einfach in einen modernen Personalentwicklungsplan übersetzen. Das Neue Testament verspricht weder, dass jeder einen Hauskreis leiten kann, noch fordert es eine möglichst hohe Zahl kirchlicher Tätigkeitsstunden. Ein Gemeindeglied ist nicht deswegen weniger mündig, weil es keinen besonderen Dienst übernimmt.
Hier möchte ich eine Unterscheidung betonen, die in unserer Diskussion bisher zu wenig Raum hatte: Geistliche Mündigkeit, kirchliche Mitarbeit und missionarische Sprachfähigkeit sind drei unterschiedliche Dinge. Ein Christ kann in seinem Glauben verwurzelt sein, ohne eine Funktion im Gemeindekirchenrat zu übernehmen. Jemand kann sehr engagiert mitarbeiten und zugleich Mühe haben, persönliche Glaubensfragen auszusprechen. Und ein Mensch kann ein natürliches Glaubensgespräch führen, ohne kirchlich besonders sichtbar zu sein.
Trotzdem dürfen wir die verbreitete Sprachlosigkeit im Glauben nicht einfach hinnehmen. Wer selbst keine Worte für Hoffnung, Zweifel oder Gotteserfahrungen findet, wird sich im Gespräch mit Menschen ohne kirchliche Sozialisation schwertun. Glaubenskurse können deshalb gerade dann wertvoll sein, wenn sie Menschen nicht nur Wissen vermitteln, sondern zum Fragen, Erzählen und eigenen Urteilen ermutigen.
Dazu gehört auch eine Kultur des Widerspruchs. Wer geistliche Mündigkeit fördern will, darf nicht nur Zustimmung erwarten. Zweifel, Anfragen an die Predigt und abweichende Erfahrungen müssen ausgesprochen werden können. Echte Beteiligung schließt Kritik an kirchlichen Entscheidungen ein.
8. Mission: Einladung zum Glauben und Respekt vor einem Nein
An diesem Punkt geraten unterschiedliche Missionsverständnisse miteinander ins Gespräch. Manche betonen die ausdrückliche Einladung, Christus kennenzulernen und zum Glauben zu finden. Andere legen das Gewicht stärker auf gelebte Nächstenliebe, gesellschaftliche Verantwortung und eine Kirche, die für alle Menschen da ist. Im kirchlichen Alltag werden diese Akzente manchmal gegeneinander ausgespielt.
Das ist nicht nötig. Wer vom Evangelium überzeugt ist, darf davon sprechen und dazu einladen. Aber niemand darf zum Objekt einer Strategie werden. Christliche Zuwendung wird nicht erst dann sinnvoll, wenn ein Mensch eine Taufe wünscht oder Mitglied der Gemeinde wird. Das Nein eines Gesprächspartners ist zu respektieren – auch dauerhaft.
Ebenso wenig darf das Evangelium im bloß freundlichen Miteinander verschwinden. Die Botschaft von Gottes Gnade in Jesus Christus hat einen bestimmten Inhalt. Nach Artikel IV des Augsburger Bekenntnisses wird der Mensch nicht durch seine religiöse Leistung, sondern aus Gnade um Christi willen gerechtfertigt. Das bewahrt Mission auch vor dem Leistungsdruck, Erfolge produzieren zu müssen. [4]
Die Kirche kann Voraussetzungen für gute Begegnungen schaffen. Glauben aber kann sie nicht herstellen. Gerade diese Grenze ist theologisch entlastend. Sie erlaubt, klar und einladend zu sprechen, ohne über das Ergebnis verfügen zu wollen.
9. Was darf Gemeindeaufbau versprechen – und was nicht?
Gemeindeaufbaukonzepte haben den Vorteil, dass sie zum Handeln ermutigen. Sie machen auf eingefahrene Routinen aufmerksam und geben Anstöße zu mehr Verständlichkeit, Offenheit und Beteiligung. Wer gar nicht mehr fragt, wie Menschen erreicht werden können, wird sich auf Dauer auf reine Bestandspflege beschränken.
Aber jedes Konzept hat Grenzen. Ein bestimmter Musikstil, eine moderne Predigtform, ein Hauskreisangebot oder ein Glaubenskurs ist kein Garant für Wachstum. Nicht jeder Erfolg an einem Ort ist anderswo wiederholbar. Schon deshalb kann das amerikanische Großgemeindemodell kein Maßstab für eine kleine Kirchengemeinde im Altenburger Land sein.
Eine weitere Gefahr besteht darin, Ergebnisse falsch zu messen. Besucherzahlen, Taufen oder die Zahl der Mitarbeitenden können Hinweise geben, sagen aber nicht alles über eine Gemeinde aus. Wie erleben Menschen Schutz und Wertschätzung? Haben Belastete einen Platz? Dürfen Schwache Unterstützung empfangen, ohne selbst etwas leisten zu müssen? Werden Konflikte fair ausgetragen? Kann jemand den Glauben ablehnen und trotzdem als Nachbar geschätzt bleiben?
Die Gegenposition verdient Gehör: Wer alle Zahlen relativiert, kann sich damit vor einer ehrlichen Bestandsaufnahme drücken. Auch geringe Resonanz, unverständliche Sprache oder schlechte Erreichbarkeit dürfen nicht verklärt werden. Zahlen sind wichtige Hinweise, nur eben keine abschließenden Urteile über Gottes Handeln.
Deshalb halte ich eine doppelte Prüfung für sinnvoll: Wir fragen nach der sichtbaren Wirkung kirchlicher Arbeit und nach ihrer Treue zum Evangelium. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.
10. Was wäre jetzt konkret zu tun?
Aus diesen Spannungen ergibt sich kein fertiger Maßnahmenkatalog für jede Gemeinde. Aber ich sehe einige Prüffragen, die eine Gemeindeleitung tatsächlich weiterbringen könnten.
Zunächst sollten wir unsere Aktivitäten ehrlich ansehen: Welche Angebote schaffen Raum für verlässliche Beziehungen, Verkündigung und gemeinsames Gebet? Welche erreichen Menschen außerhalb des vertrauten Kreises? Welche bestehen vor allem deshalb, weil es sie schon immer gegeben hat? Eine Gemeinde darf nicht nur Neues beginnen; sie muss auch begründet etwas beenden können.
Sodann sollten wir Glaubenskurse, Gottesdienste und persönliche Begegnungen bewusst aufeinander beziehen, ohne alles auf einen einzigen Weg zu verengen. Menschen kommen mit unterschiedlichen Fragen und Erfahrungen. Ein Angebot darf auch für sich genommen sinnvoll sein und muss nicht automatisch zur nächsten kirchlichen Maßnahme führen.
Drittens braucht es einen realistischen Blick auf Ehrenamtliche. Kleine, zeitlich begrenzte Aufgaben können sinnvoll sein; sie ersetzen aber nicht die nötigen Hauptamtlichen und nicht jede fachliche Kompetenz. Vor einer neuen Aufgabe sollte geklärt sein, wer Verantwortung übernimmt, wer begleitet und wie die Aufgabe enden kann.
Viertens sollte das Pfarramt stärker Zeit für Verkündigung, Seelsorge und geistliche Zurüstung gewinnen. Das gelingt nicht durch die bloße Aufforderung an Pfarrer, sich besser zu organisieren. Es braucht auch Entscheidungen auf Gemeinde-, Kirchenkreis- und landeskirchlicher Ebene: Was ist unverzichtbar, was kann gemeinsam getragen werden, und was muss wegfallen?
Und schließlich sollten wir genauer hinsehen, wo Glaube bereits außerhalb kirchlicher Räume gelebt wird. Wer in Familie, Beruf oder Nachbarschaft verlässlich für andere einsteht, ist nicht weniger Teil der christlichen Gemeinschaft als jemand, der jeden Dienstag im Gemeindehaus arbeitet. Zugleich braucht auch dieser Alltag Nahrung aus Gottes Wort, Gottesdienst und Gemeinschaft.
Schluss: Eine Kirche, die trägt, darf nicht alles tragen wollen
Wir stehen vor einer eigentümlichen Versuchung. Weil die Kirche kleiner wird, wollen wir durch immer neue Anstrengungen beweisen, dass sie noch lebendig ist. Wir entwickeln Programme, besetzen Aufgaben neu und hoffen, dass mehr Beteiligung den Verlust an Hauptamtlichen ausgleicht. Manches davon gelingt. Anderes treibt gerade die Menschen an ihre Grenzen, auf die wir besonders angewiesen sind.
Die wichtigste Veränderung liegt womöglich nicht in einer weiteren Methode, sondern in der Freiheit, nüchtern zu unterscheiden. Nicht jede Tradition muss bleiben. Nicht jeder Ehrenamtliche muss mehr tun. Nicht jedes Gemeindeglied will Verantwortung übernehmen. Nicht jeder Mensch ist religiös ansprechbar. Und nicht jede kleiner werdende Gemeinde hat deshalb geistlich versagt.
Gleichzeitig gilt: Wir dürfen uns hinter diesen Einsichten nicht verstecken. Jesus Christus ist nicht nur für die da, die den Weg in unsere Gottesdienste längst kennen. Darum fragen wir weiter, wie Menschen das Evangelium hören können – in der Predigt, im Glaubenskurs, in der Seelsorge und im persönlichen Gespräch.
Für mich beginnt diese Offenheit häufig mit einem Menschen, der einem anderen wirklich begegnet. Aber sie bleibt darauf nicht beschränkt. Gemeinde lebt aus Gottes Wort, aus Taufe und Abendmahl, aus Fürbitte, gemeinsamem Handeln und gegenseitiger Verantwortung. Sie braucht verlässliche Pfarrerinnen und Pfarrer ebenso wie mündige Gemeindeglieder; sie braucht Ehrenamtliche und muss ihre Grenzen achten.
Gemeinde der Zukunft ist nicht die Gemeinde, in der alle möglichst viel leisten. Sie ist die Gemeinde, in der das Evangelium hörbar wird, Menschen einander achten und Verantwortung so geteilt wird, dass Gemeinschaft wachsen kann – auch unter schwierigen Bedingungen.
Und damit bleibt am Ende eine Frage, die wir nicht an ein Gemeindeaufbauprogramm delegieren können: Welche Art von Gemeinde wollen wir eigentlich sein – und welche Lasten sind wir bereit loszulassen, damit das Wesentliche wieder Raum gewinnt?
Fragen für die Aussprache
1. Wo werden Menschen in unserer Region durch persönliche Beziehungen erreicht – und welche anderen Zugänge nehmen wir womöglich zu wenig wahr?
2. Wann fördert unser Pfarramt die Eigenständigkeit der Gemeinde, und wann erzeugen Strukturen ungewollt Abhängigkeit?
3. Welche Aufgaben könnten wir verantwortbar beenden, statt sie durch zusätzliche Ehrenamtsarbeit aufrechtzuerhalten?
4. Wie verbinden wir verständliche Gottesdienste, Glaubenskurse, Seelsorge und Alltagbeziehungen, ohne daraus eine starre Abfolge zu machen?
5. Welche Maßstäbe außer Teilnahmezahlen helfen uns, geistliche Lebendigkeit, Schutz und gute Leitung zu beurteilen?
Quellen und Hinweise zur Überprüfung
Die Nachweise dokumentieren die zentralen historischen, statistischen und bekenntnistheologischen Aussagen. Interpretationen und gemeindepraktische Schlussfolgerungen sind im Vortrag ausdrücklich als solche formuliert. Die Zahlen der KMU 6 stammen aus der Untersuchung mit Befragungen 2022, die ab 2023 veröffentlicht wurde; die Daten des Freiwilligensurveys stammen aus 2024.
[1] Willow Creek Deutschland, „Bericht des Untersuchungsgremiums“, Veröffentlichung des Berichts der Independent Advisory Group (28. Februar 2019), mit deutscher Übersetzung und Einordnung.
https://www.willowcreek.de/news/willow-welt/2019/bericht-des-untersuchungsgremiums
[2] EKD, KMU 6, „Ost-/West-Deutschland“ und „Orientierungstypen“: 77 % Konfessionslose im Osten; 73 % säkularer Orientierungstyp unter der ostdeutschen Bevölkerung.
https://kmu.ekd.de/kmu-themen/ost-/west-deutschland
[2a] EKD, KMU 6, „Orientierungstypen“: Erläuterung der vier religiös-säkularen Typen und ihrer Abgrenzung.
https://kmu.ekd.de/kmu-themen/orientierungstypen
[3] EKD, „Kirche mit Hoffnung. Leitlinien künftiger kirchlicher Arbeit in Ostdeutschland“ (1998), insbesondere Abschnitte 3, 4 und 6: Mission als Beziehungsarbeit, Beteiligungskirche, Prioritätensetzung und Grenzen des Ehrenamts.
https://www.ekd.de/hoffnung_1998_hoffnung6.html
[3a] EKD, „Kirche mit Hoffnung“ (1998), Kapitel 4 „Der Weg: Beteiligungskirche werden“; differenzierte Ausführungen zu Pfarramt und Ehrenamt.
https://www.ekd.de/hoffnung_1998_hoffnung4.html
[4] Das Augsburger Bekenntnis (1530), Artikel IV (Rechtfertigung), V (Predigtamt), VII (Kirche), XIV (ordentliche Berufung); Text bei der EKD.
https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-13454.htm
[5] EKD, KMU 6, Themenseite „Gottesdienst“; Erwartungen an Atmosphäre (85 %), Predigt (70 %) und moderne Sprache (63 %).
https://kmu.ekd.de/kmu-themen/gottesdienst
[6] Bundesregierung / Deutscher Freiwilligensurvey 2024, Kurzbericht, veröffentlicht 2025, vertiefende Angaben zu Gründen für die geplante Einschränkung oder Beendigung des Engagements (Zeit 62 %, Beruf 27 %, Familie 27 %).
https://www.bundesregierung.de/resource/blob/2348674/2393502/bd584f7043a033e56a1923af79abac55/2025-11-14-freiwilligensurveys-data.pdf?download=1
[7] EKD, KMU 6, Themenseite „Ehrenamt“: verschiedene Motive für kirchliches Engagement.
https://kmu.ekd.de/kmu-themen/ehrenamt
[8] EKD, „Wandeln und gestalten. Missionarische Chancen und Aufgaben der evangelischen Kirche in ländlichen Räumen“, EKD-Text 87 (2007), zur regional differenzierten Situation ländlicher Gemeinden.



