Zwischen Kanzel & Barbeque
Auch im Ruhestand aktiv.
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Kirchliche Verantwortung beginnt auch in den Gemeinden

Gedanken zu Evangelium, Politik und Ehrenamt aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Offene Kirche, geteilte Verantwortung, (KI generiert)

Eine Kirche, die öffentlich Verantwortung einfordert, muss sich auch fragen lassen, wie sie ihrer eigenen Verantwortung für die Gemeinden gerecht wird. Mich beschäftigt dabei eine wachsende Spannung: Gesellschaftspolitische Stellungnahmen sind weithin hörbar, während Gemeinden um verlässliche Gottesdienste, Seelsorge und geistliche Begleitung ringen. Ich schreibe darüber als Pfarrer im Ruhestand der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der weiterhin am Gemeindeleben beteiligt ist. Es geht mir um meine Kirche und um Menschen, denen sie Heimat im Glauben ist.

Die Debatte zwischen Ralf Frisch und Angelika Nothwang ist dafür ein Anlass. Doch meine Frage reicht über diesen Streit hinaus: Wie bleiben öffentliche Verantwortung und die Verkündigung des Evangeliums miteinander verbunden, wenn die Kräfte vor Ort abnehmen?

Was ich an der Debatte zwischen Frisch und Nothwang wichtig finde

Angelika Nothwang untersucht in ihrem zeitzeichen-Beitrag „Neues Semester, neues Glück?“ vom 7. Oktober 2026 die öffentliche Argumentationsweise Ralf Frischs. Sie kritisiert unter anderem pauschale Urteile über die Kirche und Zuschreibungen vermeintlicher Motive. Zugleich fordert sie von der Evangelischen Hochschule Nürnberg, ihre öffentliche Distanzierung von Frisch konkret und nachvollziehbar zu begründen. Ihr Beitrag ist also keine bloße Verteidigung der Hochschule. [1]

Frisch wiederum warnt in „Der rettende Eigensinn Gottes“ davor, den christlichen Glauben so in ethische Forderungen zu übersetzen, dass Gottes rettendes Handeln durch die Hoffnung auf menschliche Weltverbesserung ersetzt wird. Seine Darstellung anderer theologischer Positionen ist dabei ausgesprochen polemisch. [2]

Ich erkenne in Frischs Kritik ein Problem wieder, ohne seine Begründungen und Zuspitzungen zu übernehmen. Wo kirchliche Rede vor allem vermittelt, was Menschen tun sollen, kann die befreiende Zusage des Evangeliums in den Hintergrund geraten. Daraus folgt für mich jedoch kein Urteil über den Glauben derer, die sich gesellschaftlich engagieren.

Nothwangs Einwand gegen pauschale Zuschreibungen ist berechtigt. Wer die Kirche kritisiert, sollte benennen, welche Aussage oder Entscheidung er meint. Aber auch eine berechtigte Kritik an Frischs Argumentationsweise beantwortet noch nicht die Frage, ob Gemeinden genügend geistliche Orientierung und Unterstützung erfahren. Diese Frage verdient eine eigene Diskussion.

Das Evangelium hat politische Folgen

Ich wünsche mir keine Kirche, die sich aus gesellschaftlichen Fragen zurückzieht. Das Evangelium betrifft Menschen in ihren wirklichen Lebensverhältnissen und hat deshalb politische Folgen. Es berührt den Umgang mit Macht, mit Besitz und mit denen, deren Stimme leicht überhört wird.

Jesu Antwort auf die Frage nach der Steuer für den Kaiser steht mitten in einem politischen Konflikt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Markus 12,17). Das ist kein fertiges Programm für das Verhältnis von Kirche und Staat. Ich lese darin aber eine Begrenzung jedes politischen Herrschaftsanspruchs: Der Kaiser ist nicht Gott. Staatliche Macht darf den Menschen nicht vollständig für sich beanspruchen. [3]

Auch Jeremias Aufforderung „Suchet der Stadt Bestes“ hat einen konkreten Hintergrund. Sie richtet sich an die nach Babylon verschleppten Menschen. Sie sollen am Wohlergehen einer Gesellschaft mitwirken, in der sie als Fremde leben, und für sie beten. Verantwortung für das Gemeinwesen und Bindung an Gott gehören hier zusammen. Eine unmittelbare Gleichsetzung unserer Situation mit dem babylonischen Exil wäre allerdings verfehlt. [4]

Kirche kann deshalb dem Unrecht widersprechen, Menschenwürde verteidigen und sich für Frieden einsetzen. Bei der Wahl konkreter politischer Mittel braucht sie zugleich Sachkenntnis, nachvollziehbare Argumente und die Bereitschaft zum Widerspruch. Nicht jede politische Einschätzung wird schon dadurch zur verbindlichen christlichen Position, dass eine kirchliche Stimme sie vorträgt.

Wovon die Kirche lebt

Meine Sorge beginnt dort, wo der Zusammenhang zwischen öffentlichem Handeln und Evangelium kaum noch erkennbar wird. Menschen brauchen Orientierung für ihr Handeln. Sie brauchen aber ebenso Vergebung, Trost und eine Hoffnung, die auch dann trägt, wenn ihre Möglichkeiten erschöpft sind.

Die Kirche lebt von Jesus Christus, von seiner Zuwendung zu schuldigen und verletzlichen Menschen, von seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Sie hat eine Botschaft an Menschen, deren Leben nicht gelingt und die an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. Wenn diese Zusage verblasst, wächst die Gefahr, dass christlicher Glaube vor allem als zusätzliche Verpflichtung erscheint.

Das Augsburger Bekenntnis verbindet in Artikel V die Entstehung des Glaubens mit der Verkündigung des Evangeliums und den Sakramenten. Artikel VI spricht von den guten Werken, die aus dem Glauben folgen sollen, ohne Gottes Gnade zu verdienen. [5] Darin liegt für mich eine hilfreiche Ordnung: Wir leben aus Gottes Zuwendung und werden dadurch zur Verantwortung frei.

Gottesdienst, Mission und Diakonie gehören deshalb zusammen. Im Gottesdienst empfangen Menschen das Evangelium; in der Mission laden sie andere zum Glauben ein; in der Diakonie wenden sie sich Menschen in ihrer Not zu. Diakonische Hilfe hat dabei ihren eigenen Wert. Sie darf nicht zur Gegenleistung für religiöses Interesse gemacht werden. Ebenso können politische Stellungnahmen aus dieser Zuwendung erwachsen, wenn sie Bedingungen ansprechen, unter denen Menschen leiden.

Wenn Gemeinden geistliche Leitung vermissen

Aus der Perspektive einer Gemeinde kann eine schmerzhafte Diskrepanz entstehen. Die Kirche äußert sich öffentlich zu den großen Fragen der Zeit, während vor Ort die Frage drängt, wer den nächsten Gottesdienst hält, einen Kranken besucht oder für ein Glaubensgespräch erreichbar ist. Dann geht es um mehr als die Verteilung von Terminen. Menschen fragen, ob ihre Gemeinde für die Zukunft der Kirche noch zählt.

Ich beschreibe damit eine Wahrnehmung aus dem Gemeindeleben, keine flächendeckend erhobene Bilanz der EKM. Ebenso wenig behaupte ich, gesellschaftspolitische Aktivitäten verursachten den Abbau von Pfarrstellen. Für einen solchen Zusammenhang müssten konkrete Personal- und Haushaltsentscheidungen untersucht werden. Weniger Mitglieder, begrenzte finanzielle Möglichkeiten und fehlender Nachwuchs lassen sich durch eine andere öffentliche Sprache allein nicht ausgleichen.

Trotzdem bleibt die Frage nach den Prioritäten. Geistliche Leitung wird für Gemeinden daran erkennbar, ob sie in Veränderungen begleitet werden und ob jemand mit ihnen nach tragfähigen Wegen sucht. Ein Stellenplan erklärt, welche personellen Möglichkeiten bleiben. Er beantwortet noch nicht, wie eine Gemeinde unter diesen Bedingungen ihren Glauben leben und Menschen einladen kann.

Eine gewachsene Gemeindekultur verändert sich nicht auf Beschluss

Unsere landeskirchliche Gemeindekultur ist über lange Zeit stark durch das Pfarramt geprägt worden. Vieles hing daran, dass ein Pfarrer oder eine Pfarrerin vor Ort ansprechbar war, Aufgaben zusammenführte und Verantwortung übernahm. Zugleich gab und gibt es selbstständiges geistliches Leben durch Ehrenamtliche. Eine ausschließlich vom Pfarramt getragene Kirche hat es auch bisher nicht gegeben.

Dennoch lässt sich das gewachsene Verhältnis zwischen Hauptamt und Ehrenamt nicht kurzfristig umkehren. Wenn weniger Pfarrstellen zur Verfügung stehen, entstehen dadurch weder zusätzliche Zeit noch zusätzliche Kräfte bei den Gemeindegliedern. Wo auch der Kreis der Aktiven kleiner wird, stößt die Erwartung einer immer stärkeren ehrenamtlichen Trägerschaft an eine sehr konkrete Grenze.

Dabei müssen wir Pfarrerinnen und Pfarrer uns selbst fragen, ob wir andere genügend ermutigt und beteiligt haben. Eine Gemeindekultur, in der sich fast alles um das Pfarramt dreht, kann Eigeninitiative erschweren. Diese selbstkritische Frage ist nötig. Sie darf aber nicht dazu dienen, heutigen Ehrenamtlichen die Folgen einer über Generationen gewachsenen Ordnung aufzubürden. Selbstständigkeit wächst durch Vertrauen, Übung und Begleitung. Sie lässt sich nicht mit dem Wegfall einer Stelle anordnen.

Ehrenamt braucht Grenzen und verlässliche Unterstützung

Wer ehrenamtlich mitarbeitet, bringt Zeit und Kraft ein, die auch anderswo gebraucht werden: in der Familie, im Beruf oder für die eigene Gesundheit. Hinzu kommen Anforderungen, die das Gemeindeleben aufwendiger machen können, etwa bei Verwaltung, Gebäuden und Schutzkonzepten. Nicht alles davon ist überflüssig. Gerade notwendige Anforderungen brauchen aber eine Umsetzung, die kleine Gemeinden bewältigen können.

Wenn den gleichen Menschen immer neue Aufgaben zufallen, bleibt irgendwann wenig Raum dafür, selbst etwas zu empfangen. Auch eine Kirchenälteste braucht einen Gottesdienst, in dem sie beten und hören darf, ohne innerlich die nächste Organisationsfrage zu bearbeiten. Auch ein engagierter Mitarbeiter darf erschöpft sein und Nein sagen.

Das Priestertum aller Getauften beschreibt eine geistliche Würde und gemeinsame Berufung. Daraus lässt sich keine Pflicht ableiten, jede frei werdende hauptamtliche Aufgabe zu übernehmen. Umgekehrt ist öffentliche Verkündigung nicht an eine bezahlte Vollzeitstelle gebunden. Artikel XIV des Augsburger Bekenntnisses verlangt eine ordnungsgemäße Berufung; er schreibt kein heutiges Beschäftigungsmodell vor. [5] Entscheidend sind deshalb eine angemessene Vorbereitung, klare Verantwortung und verlässliche Begleitung auch für ehrenamtliche Dienste.

Wer Eigenverantwortung stärken will, muss außerdem echte Entscheidungsspielräume eröffnen. Gemeinden müssen Aufgaben begrenzen und Angebote beenden dürfen. Eine Verantwortung, bei der das Ergebnis vorgegeben ist, während die nötigen Kräfte fehlen, überfordert.

Was ich mir für meine EKM wünsche

Zur Fairness gehört, die vorhandenen Ansätze wahrzunehmen. Die EKM fördert mit ihren Erprobungsräumen neue Formen von Gemeinde. Deren veröffentlichte Kennzeichen nennen ausdrücklich die Ausrichtung auf Jesus Christus, die Einladung zum Evangelium und gelebte Spiritualität. Auch die Beteiligung freiwillig Mitarbeitender gehört dazu. [6] Das widerspricht einem pauschalen Bild einer Kirche, die nur noch ihren Rückgang verwaltet.

Meine Frage ist, wie solche Ansätze mit der Begleitung bestehender Gemeinden zusammenfinden. Neue Formen verdienen Raum. Zugleich braucht eine kleine Ortsgemeinde die Gewissheit, dass ihre vertrauten Beziehungen, ihre Gottesdienste und ihre Präsenz im Dorf nicht als überholtes Modell abgeschrieben werden. Nicht jede Gemeinde muss sich als neues Projekt erfinden, um Unterstützung zu verdienen.

Ich wünsche mir deshalb, dass bei Strukturentscheidungen konkret erkennbar wird, wie Gottesdienst und Seelsorge erreichbar bleiben. Dazu gehören benannte Ansprechpersonen, realistische Zuständigkeiten und Zeit für die Begleitung Ehrenamtlicher. Wo Verwaltungsaufgaben gemeinsam oder fachlich unterstützt erledigt werden können, sollte die Entlastung auch tatsächlich in den Gemeinden ankommen.

Ebenso wünsche ich mir eine ehrliche Verständigung darüber, was künftig aufgegeben wird. Wenn die Kräfte weniger werden, kann nicht jede Veranstaltung und jede bisherige Verpflichtung erhalten bleiben. Solche Entscheidungen brauchen die Beteiligung der Betroffenen und Raum für ihre Trauer. Wer etwas verliert, ist deshalb noch lange nicht reformunwillig.

Eine Hoffnung auch für die Erschöpften

Die Auseinandersetzung um Frisch und Nothwang hat für mich einen Wert, wenn sie uns genauer fragen lässt, woraus die Kirche lebt und wie sie mit Menschen umgeht. Ihre öffentliche Verantwortung und ihre Verantwortung für die Gemeinden gehören zusammen. Wer von der Würde des Menschen spricht, muss auch die begrenzten Kräfte der eigenen Mitarbeitenden achten.

Gerade eine kleiner werdende Kirche sollte spürbar machen, dass Gottes Liebe nicht von unserer Leistungsfähigkeit abhängt. Das gilt für die Gesellschaft, der sie das Evangelium sagt, und ebenso für diejenigen, die sonntags die Kirchentür aufschließen. Auch sie dürfen kommen, hören und sich stärken lassen. Eine Kirche, die das ermöglicht, gibt bereits durch ihren Umgang miteinander weiter, was sie verkündigt.

Quellen und Anmerkungen

Die Verweise in eckigen Klammern beziehen sich auf die folgenden Quellen. Die Einschätzungen zum Gemeindeleben sind eine persönliche Stellungnahme und keine statistische Untersuchung. Internetquellen geprüft am 8. Oktober 2026.

[1] Angelika Nothwang: Neues Semester, neues Glück? Der „Fall Frisch“ und die Evangelische Hochschule Nürnberg – eine Analyse. zeitzeichen, 7. Oktober 2026.
https://zeitzeichen.net/node/12811

[2] Ralf Frisch: Der rettende Eigensinn Gottes. Wie wir theologisch am sinnvollsten mit den Risiken und Nebenwirkungen der Schöpfung umgehen – und wie besser nicht. zeitzeichen, 29. Dezember 2021.
https://zeitzeichen.net/node/9483

[3] Markus 12,13–17, besonders Vers 17. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft. Die politische Folgerung im Artikel ist eine Auslegung des Textes.
https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MRK.12

[4] Jeremia 29,4–7, besonders Vers 7. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft. Zusammenhang: Jeremias Brief an die nach Babylon Weggeführten.
https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JER.29

[5] Augsburger Bekenntnis von 1530, Artikel V, VI und XIV. Deutsche Fassung auf der Website der EKD. Die Folgerungen für heutige Personal- und Ehrenamtsstrukturen sind theologische Anwendungen, keine wörtlichen Aussagen des Bekenntnisses.
https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-13454.htm

[6] Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Erprobungsräume: 7 Kennzeichen von Erprobungsräumen, 22. August 2019. Programmbeschreibung; kein Beleg für eine flächendeckende Wirkung oder ausreichende Versorgung aller Gemeinden.
https://www.erprobungsraeume-ekm.de/grundlegendes-rechtliches/7-kennzeichen-von-erprobungsraeumen/