Eine Woche zwischen Rheinfall, Reformation, Käse und der Kunst, nicht alles sehen zu müssen

Urlaub lässt sich hervorragend planen.
Man kann Öffnungszeiten heraussuchen, Routen berechnen, Parkhäuser vergleichen und schon vorher wissen, wo der Kaffee am Nachmittag getrunken werden soll.
Und dann fährt man los.
Zum Glück hält sich eine Reise nicht immer an den Plan.
Unsere Basis für einige Tage in der Nordostschweiz war Neftenbach bei Winterthur. Von dort aus waren Rhein, Zürich, Schaffhausen, das Zürcher Oberland und sogar das Appenzellerland gut erreichbar.
Schon die Anfahrt machte deutlich, wie wir diese Woche verbringen wollten. Statt möglichst schnell durchzufahren, nahmen wir den Weg über den Bodensee und die Autofähre von Meersburg nach Konstanz.
Fünfzehn Minuten auf einem Schiff können nach mehreren Stunden Autofahrt erstaunlich erholsam sein.
Wandern – aber bitte nicht jeden Tag

Einer der schönsten Tage führte von Tössegg nach Eglisau.
Wir wanderten am Rhein entlang und fuhren anschließend mit dem Schiff zurück. Mildes Wetter, schöne Landschaft und genau die richtige Strecke.
Unser Fazit danach war allerdings ebenso eindeutig: Sehr schön. Aber bitte nicht jeden Tag.
Damit war ein Grundprinzip für den weiteren Urlaub gefunden.
Wir sind offenbar keine Menschen, die morgens um acht die Wanderschuhe schnüren und abends stolz 25 Kilometer in eine App eintragen wollen. Uns liegt eine andere Form des Reisens besser: ein Ziel, ein bisschen zu Fuß, Landschaft, kurze Fahrten und genügend Zeit, irgendwo einfach sitzen zu bleiben.
Eine reformierte Kirche voller Bilder

In Winterthur wurde aus einem Kirchenbesuch unerwartet eine theologische Entdeckung.
Die Stadtkirche besitzt Wandmalereien aus dem 20. Jahrhundert. Das wirft in einer reformierten Kirche Fragen auf. Schließlich ist gerade die reformierte Tradition historisch nicht für ihre Bilderfülle bekannt.
Die Malereien erinnerten mich teilweise an Arbeiten von Paula Jordan. Plötzlich stand ich nicht mehr nur als Tourist in einer Kirche, sondern begann Fragen zu stellen: Wann kehrten Bilder in reformierte Kirchen zurück? Welche theologischen Veränderungen stecken dahinter? Und wie viel Bild verträgt reformierte Frömmigkeit?
Aus diesem Reiseerlebnis wurde später ein eigener Blogbeitrag.
Reisen können also gefährlich sein. Manchmal kommt man mit neuen Arbeitsthemen zurück.
Rheinfall ohne Boot

Der Rheinfall bei Schaffhausen gehört zu den Orten, deren Dimension sich auf Bildern kaum vermitteln lässt.
Vom Schloss Laufen kommt man den Wassermassen sehr nahe. Eine Bootsfahrt hatten wir zunächst eingeplant, aber wegen drohender Seekrankheit wieder gestrichen.
Es ging auch ohne.
Auf der Neuhausener Seite öffnet sich der Blick noch einmal ganz anders auf den Wasserfall.
Beim Mittagessen mussten wir improvisieren. Das Restaurant am Schlössli Wörth war voll, also landeten wir im Grünerbaum. Zunächst war die Enttäuschung groß: Selbstbedienung, kein besonderes Ambiente.
Mit etwas Abstand fiel das Urteil milder aus. Es war schlicht – aber völlig in Ordnung.
Auch das gehört zum Reisen: Erwartungen sind gelegentlich das größere Problem als das Restaurant.
Zürich und ein bisschen zu wenig Zwingli

Durch eine überraschend geschenkte zusätzliche Übernachtung konnten wir auch noch Zürich besuchen.
Der Plan klang übersichtlich: Parkhaus, Stadtbummel, Mittagessen, Zwingli.
Der Stadtbummel erwies sich allerdings als länger und anstrengender als gedacht. Bis zum Zürichsee hatten wir schon einiges an Strecke hinter uns.
Und ausgerechnet Zwingli kam anschließend zu kurz.
Für einen Pfarrer ist das natürlich fast schon peinlich: Man fährt nach Zürich und sieht am Ende mehr Bahnhofstraße als Reformation.
Immerhin gab es zum Ausgleich Käsefondue im Milch-Café. Die Bestellung begann ein wenig chaotisch, das Fondue entschädigte aber für manches.
Auf der Rückfahrt entdeckten wir in Winterthur-Wülflingen noch das Café Frohsinn. Ein kleiner Zwischenstopp, der viel mehr Charme hatte, als man von einem simplen „Kaffee unterwegs“ erwarten würde.
Käse, Kloster und ein Café mit zwei Gesichtern

Der letzte volle Urlaubstag führte in die Appenzeller Schaukäserei in Stein AR.
Nach Städten, Kirchen, Wasserfällen und Burgen war die Käseherstellung ein angenehmer Themenwechsel. Wo kommt der Appenzeller her? Wie reift er? Und was hat es mit jener berühmten Kräutermischung auf sich, deren genaues Rezept selbstverständlich geheim bleibt?
Auf dem Rückweg folgten wir einem Schild, das wir bereits bei der Hinfahrt gesehen hatten: Kloster Fischingen.
Aus dem spontanen Halt wurde einer der stilleren Momente der Reise. Barocke Kirche, Idda-Kapelle und ein bis heute geistlich geprägter Ort – ohne großen touristischen Aufwand.
Später landeten wir noch in einem ausgesprochen urigen Café. Die Einrichtung hätte beinahe eine uneingeschränkte Empfehlung verdient.
Die Bedienung war dagegen deutlich schwächer als das Ambiente: unkoordiniert, langsam und wenig professionell. Trotzdem wäre es schade, den Ort deshalb völlig von jeder Empfehlungsliste zu streichen. Dafür hatte er zu viel Atmosphäre.
Manchmal lautet eine ehrliche Empfehlung eben: Schöner Ort. Zeit mitbringen.
Und dann kam die Erkältung
Gegen Ende der Reise meldete sich eine Erkältung.
Damit erledigte sich die Idee, auf der Heimfahrt auch noch die Insel Mainau „mitzunehmen“.
Das Wort ist ohnehin verräterisch. Sehenswürdigkeiten sind keine Bonuspunkte, die man vor der Heimfahrt noch schnell einsammelt.
Wir nahmen stattdessen wieder die Strecke über den Bodensee. Früh am Morgen erwischten wir sofort eine Fähre von Konstanz nach Meersburg.
Später standen wir bei Giengen etwa 45 Minuten im Stau.
Das Navi schlug natürlich eine Umfahrung über Landstraßen vor. Ich blieb auf der Autobahn.
Normalerweise wäre die Zeitersparnis vielleicht verlockend gewesen. Mit Schnupfen und einer bereits anstrengenden Landstraßenetappe hinter mir war mir eine Dreiviertelstunde langsames Rollen lieber als das nächste Kurven- und Ortsdurchfahrten-Abenteuer.
Nach einem letzten Einkauf in Gera waren wir gegen 18.45 Uhr wieder zu Hause.
Was ich von dieser Reise mitnehme
Wir haben in wenigen Tagen erstaunlich unterschiedliche Seiten der Schweiz erlebt: den Rhein, Winterthur, reformierte Kirchenkunst, den Rheinfall, Schaffhausen, Schloss Kyburg, Zürich, das Appenzellerland und ein Benediktinerkloster.
Doch die wichtigste Entdeckung war keine Sehenswürdigkeit.
Wir haben herausgefunden, wie wir eigentlich gern reisen.
Nicht jeden Tag eine Wanderung. Nicht drei Attraktionen hintereinander. Nicht ständig das Gefühl, noch etwas „mitnehmen“ zu müssen.
Lieber eine Sache richtig, etwas Landschaft nebenbei, ein gutes Essen, ein interessantes Café und genügend Raum für das, was unterwegs zufällig auftaucht.
Das Schild „Kloster Fischingen“ war nicht geplant. Die Bilder in Winterthur waren nicht geplant. Der zusätzliche Urlaubstag war nicht geplant.
Und vermutlich waren gerade deshalb einige dieser Dinge besonders schön.
Vielleicht ist das die beste Form des Reisens: einen Plan haben – und ihm nicht erlauben, den Urlaub zu beherrschen.



