Eine überraschende Begegnung mit Paul Zehnder und Paula Jordan in Winterthur
Wer eine reformierte Kirche im Kanton Zürich betritt, erwartet vieles: eine Kanzel, einen schlichten Abendmahlstisch, klare Architektur – und eher keine Wände voller Propheten, Engel und biblischer Geschichten.
In der Stadtkirche Winterthur kommt es anders.

Schon beim Betreten des Kirchenschiffs fällt der Blick auf kräftige Farben. Blau, Rot, Grün und Ocker bestimmen den Raum. Propheten und biblische Gestalten bevölkern die Wände, Szenen aus dem Neuen Testament ziehen sich durch das Mittelschiff.
Und über dem Chorbogen erhebt sich Christus.
Als evangelischer Pfarrer aus Deutschland musste ich zweimal hinschauen. Denn diese Bildsprache kam mir eigentümlich bekannt vor. Sie erinnerte mich an Paula Jordan.
Ausgerechnet im Land Zwinglis
Das macht die Sache erst richtig interessant. Winterthur gehört zum Kerngebiet der Zürcher Reformation. Gerade hier hatte sich im 16. Jahrhundert eine ausgesprochen bilderkritische Form des Protestantismus durchgesetzt.
Und nun steht man in einer reformierten Kirche, deren Innenraum geradezu von Bildern beherrscht wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um wieder freigelegte mittelalterliche Fresken. Die heute so eindrucksvollen Wandmalereien sind erst im 20. Jahrhundert entstanden.
Der Berner Künstler Paul Zehnder (1884–1973) schuf die Ausmalung zwischen 1923 und 1930. Die Reformierte Kirchgemeinde Winterthur bezeichnet die Wandmalereien selbst als „ungewöhnlich für eine reformierte Kirche“.[1] Auch das kantonale Denkmalinventar betont, dass die Entscheidung, eine reformierte Kirche im frühen 20. Jahrhundert mit figürlicher Malerei neu auszumalen, ungewöhnlich war und zu Diskussionen sowohl in der Kirchgemeinde als auch in der Fachwelt führte.[2] Das war also keineswegs selbstverständlich.
Christus über allem

Besonders eindrucksvoll ist die monumentale Darstellung über dem Chorbogen. Christus steht in der Mitte, flankiert von Elia und Mose. Mose ist durch die Gesetzestafeln eindeutig zu erkennen. Dargestellt ist die Verklärung Jesu – jene neutestamentliche Szene, in der Jesus vor den Augen seiner Jünger verwandelt wird und Mose und Elia erscheinen.
Damit erhält die Darstellung eine starke theologische Mitte: Gesetz und Propheten stehen neben Christus und weisen auf ihn.
Und diese Christuszentrierung ist für das Verständnis der gesamten Ausmalung wichtig.
Zehnder hat die Kirche nicht einfach dekoriert. Er erzählt die Bibel.
An den Wänden begegnen sich Altes und Neues Testament. Das Denkmalinventar beschreibt die Malereien als an mittelalterliche Buchmalerei erinnernd und hebt ihre besondere Bedeutung innerhalb einer reformierten Kirche hervor.[2]
Auch eine zeitgenössische kunsthistorische Betrachtung von 1931 zeigt, dass Zehnders Malerei bewusst nicht als illusionistische Abbildung verstanden wurde. Die Bilder sollten sich vielmehr dem Kirchenraum und seinem religiösen Zweck unterordnen.[3] Die Kirche wird damit beinahe zu einer begehbaren Bilderbibel.
Warum mich das an Paula Jordan erinnert
Und genau an dieser Stelle kam mir beim Betrachten der Bilder eine deutsche Künstlerin in den Sinn: Paula Jordan (1896–1986). Ihre biblischen Bilder dürften vielen evangelischen Christen vertraut sein, selbst wenn ihnen der Name der Künstlerin nicht sofort einfällt.
Jordan studierte an der Leipziger Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe und arbeitete seit den 1920er Jahren als Illustratorin. Besonders bekannt wurden ihre Illustrationen zu Jörg Erbs „Schild des Glaubens“, einem über Jahrzehnte weit verbreiteten evangelischen Bibelbuch. Bibliotheksnachweise späterer Auflagen führen Paula Jordan ausdrücklich als Illustratorin.[4]
Und wenn man ihre biblischen Darstellungen mit Zehnders Winterthurer Wandbildern vergleicht, ist mein erster Eindruck gar nicht so abwegig. Da sind die kräftigen Konturen. Da sind große, geschlossene Flächen. Die Figuren wirken häufig frontal und typisiert. Perspektive und naturalistische Raumwirkung treten gegenüber der Erzählung zurück. Vor allem aber haben die Bilder eine klare Aufgabe: Sie wollen eine biblische Geschichte erzählen.
Keine direkte Verbindung – aber eine verwandte Bildsprache

An dieser Stelle ist allerdings Vorsicht geboten. Ich habe keinen belastbaren Beleg dafür gefunden, dass Paula Jordan von Paul Zehnder beeinflusst wurde oder seine Winterthurer Bilder überhaupt kannte. Eine direkte kunsthistorische Verbindung zwischen beiden zu behaupten, wäre deshalb Spekulation.
Interessanter ist etwas anderes: Beide bewegen sich innerhalb einer größeren Entwicklung protestantischer Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, in der Künstler nach einer neuen Bildsprache für biblische Inhalte suchten.
Und Paul Zehnder schaute dafür erstaunlich weit zurück. Er hatte in Dresden, Stuttgart und München studiert, führte zeitweise ein Atelier in Paris und kannte die europäische Kunst seiner Zeit. Das Historische Lexikon der Schweiz nennt insbesondere Giotto und Michelangelo als wichtige Einflüsse.[5]
Für Winterthur entwickelte Zehnder jedoch einen deutlich neoromanischen Stil. Eine kunsthistorische Untersuchung beschreibt ausdrücklich seine Orientierung an der mittelalterlichen französischen Glaskunst: frontal wiedergegebene Figuren, kräftige Konturen und eine bewusst hieratische Wirkung.[6]
Auch die Stadt Winterthur weist darauf hin, dass Zehnder für seinen Freskenzyklus mittelalterliche Bildvorlagen verwendete und diese mit einer expressiven Farbigkeit verband.[7]
Und plötzlich versteht man, weshalb diese Bilder trotz ihres Alters so eigenartig modern wirken. Zehnder geht hinter den Naturalismus des 19. Jahrhunderts zurück und entdeckt eine ältere Bildsprache wieder: Kontur statt fotografischer Genauigkeit, Fläche statt Illusion, Zeichen statt naturalistischer Abbildung.
Genau darin liegt auch die optische Verwandtschaft zu vielen Arbeiten Paula Jordans. Nicht unbedingt, weil einer vom anderen abgeschaut hätte. Sondern weil beide die Bibel erzählen wollen.
Als die Bilder in die reformierte Kirche zurückkehrten

Damit bekommt die Winterthurer Stadtkirche noch eine zweite, theologische Ebene. Die reformatorische Bilderkritik hatte das Bild aus dem Gottesdienst zurückgedrängt, weil es nicht selbst zum Gegenstand religiöser Verehrung werden sollte. Bei Zehnder kehrt das Bild zurück – aber unter anderen Voraussetzungen. Diese Figuren wollen nicht angebetet werden. Sie verweisen auf biblische Geschichten. Und die biblischen Geschichten wiederum führen immer wieder zu Christus.
Man könnte es zugespitzt formulieren: „Das Bild darf in die reformierte Kirche zurückkehren, solange es Prediger bleibt und nicht selbst zum Heiligen wird.“
Und ausgerechnet die riesige Verklärung über dem Chorbogen bringt das auf den Punkt. Mose steht dort. Elia steht dort. Aber die Mitte gehört Christus.
Ein Kind seiner Zeit
Trotzdem sollte man diese Bilder nicht aus ihrer Entstehungszeit herauslösen. Zehnders Winterthurer Zyklus entstand 1923–1930. Wir befinden uns damit in einer Epoche, in der Künstler intensiv nach neuen Ausdrucksformen religiöser Kunst suchten.
Bei Zehnder verbindet sich die Moderne mit dem Rückgriff auf Romanik, mittelalterliche Glasmalerei und alte christliche Bildtraditionen. Das kantonale Denkmalinventar bezeichnet seine Bilder deshalb treffend als durchaus widersprüchliche Zeugnisse einer Epoche, die einerseits den Historismus überwinden wollte und andererseits ältere Formen neu entdeckte.[2]
Bei Paula Jordan begegnet uns etwas Ähnliches in einem anderen Medium. Was Zehnder monumental auf Kirchenwände bringt, erscheint bei Jordan in der Grafik und Buchillustration: eine reduzierte, verständliche und erzählerische Darstellung biblischer Geschichten. Gerade im evangelischen Raum wurden solche Bilder für Generationen prägend.
Und plötzlich wird die Kirche zur Bilderbibel

Ich hatte die Stadtkirche Winterthur eigentlich als reformierte Kirche betreten. Dann stand ich mitten in einer Bilderbibel.
Und während ich die großen Figuren betrachtete, tauchten in meiner Erinnerung Bilder Paula Jordans auf. Aus diesem spontanen Eindruck lässt sich keine direkte Verbindung zwischen zwei Künstlern konstruieren. Aber er führt auf eine interessante Spur: zu einer Epoche evangelischer Kunst, die die Bibel wieder sichtbar erzählen wollte.
Paul Zehnder tat es monumental an den Wänden einer reformierten Kirche.
Paula Jordan tat es mit dem Zeichenstift in Büchern, die Generationen evangelischer Christen begleiteten.
Beide erinnern auf ihre Weise daran: Der Protestantismus ist eine Religion des Wortes. Aber auch eine Religion des Wortes hat nie aufgehört, in Bildern zu denken.
In Winterthur kann man das kaum übersehen: Denn dort ist das Wort gewissermaßen wieder an die Wand gekommen.
Quellen
[1] Reformierte Kirchgemeinde Winterthur Stadt: Stadtkirche. Angaben zur Ausmalung durch Paul Zehnder 1923–1930 und zur Besonderheit der Wandmalereien in einer reformierten Kirche. Online aufrufen
[2] Kanton Zürich, Denkmalpflege: Inventar Winterthur, Band 4: Stadt III. Kunst- und bauhistorische Würdigung der Stadtkirche und der Wandmalereien Paul Zehnders. Online aufrufen
[3] Werk – Schweizer Monatsschrift für Architektur, freie Kunst, angewandte Kunst, 1931: Zeitgenössische kunsttheoretische Betrachtung der Wandmalereien Paul Zehnders in der Stadtkirche Winterthur. Online aufrufen
[4] LEO-BW / Südwestdeutscher Bibliotheksverbund: Bibliographischer Nachweis zu Jörg Erb, Schild des Glaubens, mit Paula Jordan als Illustratorin. Online aufrufen
[5] Deborah Favre: „Zehnder, Paul“, Historisches Lexikon der Schweiz, 24. November 2022. Biographie mit Angaben zu Ausbildung, Werk und künstlerischen Einflüssen. Online aufrufen
[6] Berner Heimatschutz: Jahresheft 2022. Beitrag zu Paul Zehnders Kirchenmalerei; zum neoromanischen Stil und zur Orientierung an mittelalterlicher französischer Glaskunst. Online aufrufen
[7] Stadt Winterthur: Europäischer Tag des Denkmals 2010 – Stadtkirche St. Laurentius. Zur Renovierung 1922–1930, zu Zehnders Fresken und mittelalterlichen Bildvorlagen. Online aufrufen



