
„Schreib mir eine Predigt über …“
Natürlich könnte ich ChatGPT so benutzen. Bibeltext eingeben, ein paar Vorgaben dazu, Enter drücken – und wenige Sekunden später steht da etwas, das zumindest äußerlich wie eine Predigt aussieht.
So arbeite ich aber gerade nicht.
Für mich ist ChatGPT inzwischen tatsächlich zu einem wichtigen Werkzeug bei der Vorbereitung von Predigten und Bibelarbeiten geworden. Aber nicht als Predigtautomat. Eher als zusätzlicher Mitarbeiter im Arbeitszimmer: einer, der schnell lesen, vergleichen und sortieren kann, der Fragen stellt und Gegenargumente findet – dem man allerdings auch immer wieder sagen muss: „Schau noch einmal genau hin.“
Am Anfang steht weiterhin der Bibeltext
Meine Vorbereitung beginnt deshalb nicht mit der Frage: „Was könnte ich darüber predigen?“
Sie beginnt beim Text.
Was steht wirklich da? Wie ist der Abschnitt aufgebaut? Welche Wörter sind entscheidend? Was sagt der griechische oder hebräische Text? Welche historischen Zusammenhänge muss man kennen? Wo gibt es unterschiedliche Auslegungen? Und an welcher Stelle lese ich womöglich etwas in den Text hinein, weil es gut zu meiner eigenen theologischen Vorstellung passt?
Um diese Arbeit nicht jedes Mal neu erfinden zu müssen, habe ich mir für ChatGPT inzwischen zwei umfangreiche Arbeitsabläufe gebaut. Ich nenne sie LOOPS.
Einen LOOP nutze ich für Exegese und Predigtvorbereitung, einen zweiten für die Vorbereitung von Bibelarbeiten.
Dabei bekommt ChatGPT nicht einfach die Aufgabe: „Lege diesen Bibeltext aus.“ Der Ablauf zwingt die KI gewissermaßen dazu, schrittweise vorzugehen: Textaufbau, Urtext, sprachliche Besonderheiten, historischer Hintergrund, Paralleltexte, verschiedene Kommentare, strittige exegetische Fragen und Gegenpositionen.
Und zwischendurch heißt es immer wieder: Gegenprüfen.
Welche andere Auslegung wäre möglich? Welche Beobachtung spricht gegen die bisherige Deutung? Was steht tatsächlich im Text – und was klingt nur schön und fromm?
Das ist mir wichtig. Denn ChatGPT kann ausgesprochen überzeugend Unsinn formulieren. Flüssige Sprache ist noch lange keine gute Exegese.
Und dann kommt Logos ins Spiel
Ein großer Teil meiner eigentlichen Recherche geschieht deshalb weiterhin in Logos Bible Software. Dort liegt inzwischen ein beträchtlicher Teil meiner theologischen Bibliothek. Ich lese Kommentare, Lexikonartikel und Fachliteratur, vergleiche Auslegungen und verfolge Fragen, die sich bei der Arbeit am Text ergeben. Dabei mache ich etwas sehr Altmodisches mit ziemlich moderner Software: Ich sammle Texte.
Passagen, die mir wichtig erscheinen, kopiere ich aus Logos in eine Word-Datei. Manchmal stehen dort am Ende Auszüge aus mehreren Kommentaren nebeneinander. Dazu kommen eigene Notizen und Beobachtungen.
Diese Word-Datei hänge ich anschließend meiner Anfrage an ChatGPT an.
Mein Exegese-LOOP enthält inzwischen sogar eine eigene Abfrage dafür: Gibt es zusätzlich eine Datei mit Kommentartexten? Wenn ja, soll ChatGPT sie nicht nur lesen, sondern ihre Aussagen in die Exegese einbeziehen. Wenn möglich, soll es auch erkennen oder recherchieren, von welchem Autor und aus welchem Kommentar ein Text stammt. Lässt sich das nicht zuverlässig feststellen, muss genau das gesagt werden.
Denn auch hier gilt: Lieber ein ehrliches „nicht sicher feststellbar“ als eine erfundene Quellenangabe.
Kommentare miteinander ins Gespräch bringen
An dieser Stelle wird die Kombination für mich besonders interessant.
Ich kann beispielsweise fünf oder sechs Kommentare in Logos lesen und die entscheidenden Passagen sammeln. ChatGPT kann anschließend helfen herauszuarbeiten:
- Wo sagen die Ausleger im Grunde dasselbe?
- Wo unterscheiden sie sich?
- Welche exegetische Frage steckt hinter ihrem Unterschied?
- Welche Argumente führen sie am Bibeltext an?
- Und welche Position hält einer kritischen Überprüfung am besten stand?
Dabei entsteht etwas, das ich in meinem LOOP eine exegetische Landkarte nenne. Sie zeigt nicht nur ein Ergebnis, sondern auch die Wege dorthin: Was ist in der Forschung weitgehend Konsens? Was ist umstritten? Welche Positionen gibt es? Wo bleiben Fragen offen?
Das empfinde ich als wesentlich hilfreicher, als wenn mir eine KI einfach erklärt, „was der Text bedeutet“.
Bei der Bibelarbeit funktioniert es etwas anders
Für Bibelarbeiten habe ich deshalb einen eigenen LOOP entwickelt. Natürlich braucht auch dort die Vorbereitung eine solide Exegese. Aber das Ziel ist ein anderes.
Eine Bibelarbeit soll nicht zu einem 60-minütigen Vortrag des Pfarrers werden. Die Teilnehmenden sollen den Text selbst entdecken, Fragen stellen, widersprechen, Erfahrungen einbringen und miteinander ins Gespräch kommen.
Darum fragt dieser LOOP stärker:
- Welche Beobachtungen können die Teilnehmer selbst machen?
- Wo lohnt sich eine offene Frage?
- Welche Hintergrundinformation muss ich geben?
- Was kann ich bewusst noch nicht erklären?
- Wo braucht das Gespräch Raum?
- Und was sollte am Ende gebündelt werden?
So entsteht aus der wissenschaftlichen Vorarbeit nicht einfach ein Vortrag, sondern ein Weg durch den Text.
Wer denkt hier eigentlich?
Eine Frage liegt bei all dem natürlich auf der Hand: Wenn ChatGPT so viel recherchiert, sortiert und formuliert – wer macht dann eigentlich noch die theologische Arbeit?
Meine Antwort lautet: hoffentlich immer noch ich.
Denn am Ende muss ich entscheiden, welche Auslegung ich für tragfähig halte. Ich muss den Bibeltext verantworten. Ich stehe auf der Kanzel. Ich sitze mit Menschen bei der Bibelarbeit am Tisch. Und ich merke auch, wenn eine theologisch korrekte Antwort an der wirklichen Lebensfrage eines Menschen vorbeigeht.
KI kann mir Arbeit abnehmen. Sie kann mir aber mein theologisches Urteil nicht abnehmen.
Logos, Word, ChatGPT – und wieder zurück zum Text
Mein gegenwärtiger Arbeitsweg sieht deshalb oft ungefähr so aus:
Bibeltext lesen. Fragen sammeln. In Logos recherchieren. Kommentare lesen. Wichtige Passagen in Word sammeln. Die Materialien zusammen mit dem Bibeltext durch meinen ChatGPT-LOOP schicken. Ergebnisse überprüfen. Gegenpositionen ansehen. Noch einmal in Logos nachlesen. Und wieder zurück zum Bibeltext.
Das ist übrigens kein besonders schneller Weg. Aber Schnelligkeit war bei einer Predigt noch nie mein wichtigstes Qualitätsmerkmal. ChatGPT hat meine Predigtvorbereitung deshalb nicht abgeschafft. Im Gegenteil: An manchen Stellen ist sie sogar gründlicher geworden.
Und gelegentlich passiert etwas durchaus Menschliches:
- Ich widerspreche ChatGPT.
- ChatGPT widerspricht mir.
Dann müssen wir beide noch einmal zurück an den Text. Und meistens ist genau das gar nicht schlecht.
Die beiden LOOPS zum Ausprobieren
Wer diese Arbeitsweise selbst einmal ausprobieren möchte, kann meine beiden aktuellen LOOPS herunterladen. Sie sind keine fertigen „Predigtgeneratoren“, sondern Arbeitsanweisungen für ChatGPT, die zu einer gründlicheren und kritischeren Arbeit am Bibeltext anleiten sollen.
Wichtig: Die kurze Startsequenz, mit der der jeweilige LOOP in ChatGPT gestartet wird, steht bereits am Anfang der Word-Datei. Man muss also nicht den gesamten umfangreichen Masterprompt jedes Mal neu eingeben. Bibelstelle, Anlass, Zielgruppe und einige weitere Angaben einsetzen – dann kann es losgehen.
Wer möchte, kann ChatGPT dabei auch zunächst selbst Fragen stellen lassen. Dazu schreibt man einfach vor die Startsequenz zum Beispiel:
„Stelle mir vor dem Start des LOOPs 7 Fragen.“
Die Zahl lässt sich natürlich frei wählen. ChatGPT fragt dann zunächst nach Punkten, die für die konkrete Predigt oder Bibelarbeit noch wichtig sein könnten. Erst nachdem diese Fragen beantwortet sind, startet der eigentliche LOOP. Gerade wenn Zielgruppe, Schwerpunkt oder besondere Fragestellungen noch nicht ganz feststehen, kann das ausgesprochen hilfreich sein.
Exegese- und Predigtvorbereitungs-LOOP – Version 1.1
Word-Datei herunterladen
Exegese- und Bibelarbeitsvorbereitungs-LOOP – Version 1.1
Word-Datei herunterladen
Die Dateien können natürlich an die eigene Arbeitsweise angepasst werden. Gerade darin liegt für mich ein großer Vorteil solcher LOOPS: Mit der Zeit werden sie immer genauer zu dem Werkzeug, das man für die eigene theologische Arbeit braucht.



