Jetzt ist es Zeit – der Glaube an den „queeren“ Gott

Liebe Leute,
ich zereiße normalerweise keine Predigten eines Kollegen oder einer Kollegin. Wenn diese mir nicht gefällt, lasse ich sie einfach unkommentiert stehen. Da mache ich zwischen liberalen und superfrommen Predigten keinen Unterschied. Ich sage mir, Gottes Geist wird schon das richtige Wort für die Menschen herausfiltern.
Doch bei der Abschlusspredigt zum Kirchentag 2023 in Nürnberg im Schlussgottesdienst von Pastor Quinton Ceasar aus Wiesmoor ist es anders. Nicht dass ich etwas gegen seine Person habe, aber inhaltlich, besonders biblisch-theologisch habe ich einige Kritikpunkte, besonders weil es ja eine Predigt sein sollte, die den Menschen Wegweisung und Ermutigung für den Alltag in die Zukunft geben sollte. Denn eigentlich hatte seine Predigt nur eine Zielgruppe, die queeren Menschen. Diese werden zu einem gewissen Aufstand in der Kirche aufgefordert.

Rhetorisch kann und will ich diese Predigt nicht kritisieren. Sie ist nicht mein Predigtstil. Er ist aber bei einigen Kollegen und Kolleginen sehr beliebt, so eine Predigt in halber Gedichtsform.

Der Gottesdienst selbst hatte die Überschrift aus Prediger 3,1 – Alles hat seine Zeit

Der Pastor nimmt wahrscheinlich den Predigttext des Sonntags aus 1.Johnannes 4,13-21 auf, ohne ihn zu benennen. Der Kernsatz davon: Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Joh. 4,16)

Wir vertrauen Eurer Liebe nicht

„Oe haliha, moetie soe liegie, daai kind!“

Er bedeutet so viel wie:

„Hey du, lüg nicht so.“ 

Ich werde euch heute nicht anlügen:

Wir können nicht mehr warten.

Nicht bis morgen oder nächste Woche.

Oder das nächste Mal,

wenn wir eine andere Regierung,

wenn der Rat der EKD,

wenn unsere Synoden, 

wenn das Präsidium des Kirchentages gewählt werden,

diverser und inklusiver besetzt werden.

Wir können nicht warten.  

Jesus sagt nicht: „Alles hat seine Zeit“,

Jesus sagt: „Die Zeit ist jetzt!“

Wenn Jesus sagt: „Jetzt ist die Zeit!“,

dann ruft er zur Veränderung auf,

zu mutigen Entscheidungen,

Es ist schon einmal schwierig, dass eine Predigt eine negativ Überschrift hat – es klingt wie eine Gerichtspredigt, die hier gehalten werden soll. Abrechnung mit allen. Und die Klage darüber, das Kirche nicht divers genug ist. Was wäre, wenn alle Gruppen in der Kirche so laut schreien würden, wie die queeren Leute? Gäbe es dann nicht nur noch ein großes Geschrei in der Kirche? An so einem Kirchentag war doch das Diverse nicht das einzige Thema oder mal nicht das hervorragende Thema. Gab es da nicht auch Umweltschutz und Klima, Ukrainekrieg und Frieden, soziale Gerechtigkeit, und vielleicht auch biblische Verkündigung, Andacht und Gebet? Wo findet sich das hier wieder?

Und Jesus in den Mund zu legen: „Jetzt ist Zeit“ – das ist theologisch in dieser Form nicht ganz richtig. Das hat Jesus, so wie es hier ausgedrückt wird, nicht gesagt. Einzig natürlich in Markus 1,15 hat er davon gesprochen, das jetzt die Zeit erfüllt ist. Von da stammt ja die Kirchentagslosung. Aber das hat eben einen ganz anderen Kontext, als es hier beim Kirchentag und besonders hier bei der Predigt verwendet wird. Bei Jesus geht es ganz klar darum, dass mit seinem Wirken das Reich Gottes anbricht, die „basileia tou theou“. Es ist das einzige Mal, dass wenn vom Kairos, vom rechten Zeitpunkt spricht, er in in der Jetzt-Form spricht. Nur dann gilt der Kairos, nur dann ist die Zeit erfüllt. Ansonsten warnt er sogar davor, wenn Leute sagen: „Jetzt ist die Zeit“ (Lk 21,8)

Lasst uns über die Liebe sprechen.

Wir zitieren gern mal „Glaube, Hoffnung, Liebe.“

Wir sagen: „Die Liebe leitet uns.“

Wir singen: „All you need is love.“

Und wir versprechen: „Wir, die das Gute wollen, sind mehr.“

James Baldwin, der Schwarze und schwule Schriftsteller und Aktivist hat gesagt:

„Die Liebe war noch nie eine Massenbewegung.“

Und er hat damit nicht gelogen.

Ich und andere wie ich,

wir kennen die Grenzen und Schwächen des Satzes:

„Liebe deinen Nächsten.“

Und deshalb halte ich es lieber mit Bell Hooks, die sagt:

„There can be no love without justice.“

„Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Liebe.“

Was meint der Prediger eigentlich hier? So richtig verstehe ich ihn nicht? Meint er irdische menschliche Liebe, Nächstenliebe oder die göttliche Liebe? Oder meint er, nur wenn queere Menschen überall mitbestimmen, geschieht wahre Liebe. Noch einmal, ich habe nichts gegen queere Menschen, aber ich habe etwas gegen diese einseitige Fixierung, die gegenwärtig in unserer Gesellschaft und leider auch in unserer Kirche passiert.

„Alles hat seine Zeit“ oder „All you need is love“

erinnert mich aber eher einen Happyland-Zustand.

Happyländer*innen, also Leute aus Happyland, sagen:

„Gott liebt uns alle gleich“

Happyländer*innen sagen:

„Jesus Christus hat uns alle durch seine Liebe befreit.“

Sie sagen: „Die Kirche ist ein sicherer Ort für alle.“

— 

Es ist leichter, von befreiender Liebe zu predigen,

als eine Liebe zu leben, die befreit.

Wir sind Kirche.

Und meine Geschwister und ich sagen: Jetzt ist die Zeit!

Wir vertrauen eurer Liebe nicht.

Wir haben keine sicheren Orte

in euren Kirchen.

Die Zeit ist jetzt, zu sagen:

Wir sind alle die Letzte Generation.

Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Black lives always matter.

Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Gott ist queer.

Jetzt ist die Zeit, zu sagen: We leave no one to die.

Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Wir schicken ein Schiff.

UND wir empfangen Menschen in sicheren Häfen.

Safer spaces for all.

Wir haben alle Privilegien

und können sie für mehr Gerechtigkeit einsetzen.

Wir können füreinander Verbündete sein.

Wir sind hier. Wir sind viele.

Wir sind nie wieder leiser.

Wie überall in der Gesellschaft gibt es leider auch in der Kirche Menschen, die andere diskriminieren. Und wer seine Bibel liest, kann das auch sehen, dass es selbst in den ersten christlichen Gemeinden so etwas gab. Das ist nicht richtig und gut. Auf diese wunden Stellen muss man die Finger legen. Dennoch sind die queeren Menschen nicht die Einzigen, die einen Schutzraum in unserer Gesellschaft und in der Kirche brauchen. Da müssen wir sicher auf andere Menschen sogar noch stärker unserem Blick richten. Und sich selbst mit der „Black Lives Matter“-Bewegung und der „Letzten Generation“ zu vergleichen – naja?

Dass „Gott queer ist“ ist biblisch-theologisch gesehen ein völlig verkehrte Aussage. Es ist die negativste Aussage der ganzen Predigt. Die Bibel sagt, dass Gott sich allen Menschen zuwendet und, dass seine Liebe allen Menschen gilt, aber der Mensch, und das gilt für alle Geschlechtsformen, bleibt nicht so wie er ist, sondern der, der sich mit Gott einlässt, wird verändert. Ich kann darum nur sagen: Gott ist Liebe, aber Gottes Liebe führt zur Veränderung.
Es gibt sicher ein paar Aussagen über Gott. Gott ist heilig. Gott ist Liebe. Gott begegnet uns in Jesus Christus. Aber mit der Aussage „Gott ist queer“ projizieren wir unser menschliches Geschlechterbild auf Gott. Im Prinzip verstoßen wir gegen das alttestamentliche Bilderverbot, in dem wir uns so ein gewisses Gottesbild erstellen.

Jetzt ist die Zeit, um uns an die befreiende Liebe von Jesus

zu kleben und nicht an Worte,

an Institutionen, Traditionen und Macht,

an Herkunft und Heteronormativität.

Klebe dich an die Liebe, die befreit.

Klebe dich an die Liebe Gottes, die befreit.

„Liebe war noch nie eine Massenbewegung.“

Der Schluß der Predigt klingt ja ganz vernünftig. Doch im Kontext zum Vorherigen ist das mit der Liebe zu Jesus recht schwierig zu verstehen. Eigentlich soll sich ja alles ändern, vielleicht sollen wir ja in der Kirche bereit sein für die „Freie Liebe“. Es erinnert mich fast an die Hippie-Bewegung der 60iger Jahre des vorigen Jahrhundert.

Leider fehlt dieser Predigt wirklich eine tiefe theologisch exegetische Arbeit. Sie ist nur auf eine Zielgruppe orientiert und blendet viele Realitäten aus. Sie ist keines Kirchentages würdig. Dabei hat der Kirchentag selbst in der Generalsekretärin ein hervorragende Predigerin.

Es fehlt der Predigt das, was zu einer Abschlusspredigt eines Kirchentages gehört. Ein zukunftsweisender mutmachender Schluss, so in der Art von Martin Luther King „I have a dream“. Es fehlt das die Leute Ermutigende.

Es klingt hart, aber es ist so. Diese Predigt ist für manchen sogar zum Anlass geworden, aus der Kirche endgültig auszutreten. Meistens sind es die Stillen, aber die besonders Aktiven in der Gemeinde, die das tun. Sie machen es dann ohne viel Aufhebens und Geschrei. Eines Tages sind sie weg.

Aus rechtlichen Gründen wurde die Kirchentagspredigt nur auszugsweise wiedergegeben. Wer sie komplett nachlesen will, findet sie hier.

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