Das Problem des Bösen in der Bibel und im christlichen Glauben

Das Problem des Bösen in der Bibel und im christlichen Glauben
Woher kommt das Böse? /KI generiert)

1) Die härteste Frage, die bleibt

„Warum gibt es das Böse?“ – das ist keine theoretische Denksportaufgabe. Es ist die Frage, die sich aufdrängt, wenn Schuld geschieht, wenn Menschen leiden, wenn Gewalt zerstört, wenn Krankheit nicht weicht und wenn Gebete scheinbar ins Leere gehen. Und sie taucht nicht nur bei Skeptikern auf, sondern mitten im Glauben: Wie kann ein allmächtiger, allwissender und guter Gott eine Welt zulassen, in der so viel Unheil geschieht?

Die klassische Form dieser Anfrage nennt man Theodizeeproblem:
Wenn Gott das Leid beseitigen kann, aber nicht will – wie steht es dann um seine Liebe?
Wenn Gott es will, aber nicht kann – wie steht es dann um seine Allmacht?
Und wenn Gott kann und will – warum existiert das Böse dann überhaupt?

Wer ehrlich ist, merkt schnell: Man kann über das Böse reden, ohne schon im Innersten zu begreifen, was Leid mit Menschen macht. Darum ist wichtig: Christlicher Glaube sucht hier nicht zuerst eine glatte Erklärung, sondern einen Weg, wahrhaftig zu sprechen – vor Gott, mit der Bibel, in der Gemeinde und in der Welt.

2) Was meint „das Böse“ überhaupt?

Die Bibel benutzt nicht immer eine einzige Definition, aber sie beschreibt das Böse als eine destruktive Realität, die Gottes gute Ordnung stört, Leben beschädigt, Beziehungen vergiftet und sich zwischen Mensch und Gott drängt. Es ist nicht bloß „Fehler“ oder „Mangel“, sondern oft Rebellion: der Versuch, sich Gottes Herrschaft zu entziehen und „selbst Gott zu sein“.

Dabei hilft eine Unterscheidung, die auch praktisch wichtig ist:

  • Moralisches Böse: Schuld, Gewalt, Lüge, Unterdrückung – also Taten und Entscheidungen.
  • Leid / Übel (oft „natürliches Übel“ genannt): Krankheit, Katastrophen, Sterblichkeit, Zufälle, die Menschen treffen, ohne dass sie es „verdient“ hätten.

Beides hängt in der Wirklichkeit oft zusammen, aber nicht alles Leid ist direkte Folge persönlicher Schuld. Die Bibel hält diese Spannung aus – und verbietet billige Kurzschlüsse.

3) Der biblische Grundton: Das Böse ist real – sein Ursprung bleibt geheimnisvoll

Auffällig ist: Die Bibel spekuliert erstaunlich wenig darüber, woher das Böse „ursprünglich“ kommt. Sie erzählt – ja. Sie klagt – ja. Sie warnt – ja. Aber sie liefert selten eine metaphysische Ursprungstheorie.

Schon die Schöpfungserzählung legt den Kern frei: Der Mensch greift nach Autonomie („sein wie Gott“), übertritt Gottes Gebot, und die Welt kippt aus der Harmonie. Das Böse erscheint als Faktum, als Macht, die sich ausbreitet – aber der letzte Ursprung bleibt ein Geheimnis. Genau diese Zurückhaltung ist theologisch bedeutsam: Die Bibel macht das Böse nicht „erklärbar“, damit es nicht verharmlost wird. Sie benennt es, ohne es zu rechtfertigen.

Wichtig: In diesem biblischen Rahmen gilt zugleich:
Gott ist nicht der Autor des Bösen.
Die Sünde ist nicht „Gottes Produkt“, sondern die pervertierte Nutzung geschöpflicher Freiheit.

4) Die Frage nach Eden: Warum gibt es den Baum der Erkenntnis?

Ein Klassiker: „Warum pflanzt Gott überhaupt den Baum der Erkenntnis, wenn er doch weiß, was passiert?“ Die biblische Perspektive beginnt mit einer Korrektur: Der Mensch wird nicht als „von Natur aus böse“ geschaffen, sondern als Geschöpf in Beziehung, in Verantwortung, in Freiheit.

Der Baum ist dann nicht „Gottes Falle“, sondern ein sichtbares Zeichen: Der Mensch ist Geschöpf – nicht Gott. Es gibt einen Bereich, der nicht in menschlicher Verfügung steht. Der Gehorsam hat hier keine technische, sondern eine Beziehungsbedeutung: Vertrauen oder Misstrauen, Hören oder Selbstermächtigung.

Die Erzählung zeigt: Das Böse entsteht nicht, weil Gott das Böse „braucht“, sondern weil der Mensch sich – verführbar, begrenzt, begehrlich – gegen Gott entscheidet. Damit ist keine kalte Moralpredigt gemeint, sondern die Diagnose: Wo der Mensch „Gott spielen“ will, wird die Welt unmenschlich.

5) Der Mensch und das Böse: Nicht neutraler Beobachter, sondern Beteiligter

Die Bibel sieht den Menschen nicht als unbeteiligten Zuschauer im Kosmos, der das Böse von außen bewertet. Sie ist nüchtern: Der Mensch ist verführbar, und er trägt Verantwortung.

Zugleich kennt sie die tiefe Ambivalenz:

  • Wir erleben das Böse als etwas, das uns „packt“, Dynamiken entwickelt, soziale Umstände ausnutzt.
  • Und doch bleibt es nicht bloß „Umwelt“: Schuld ist zurechenbar, weil Menschen sich entscheiden – oft aus Angst, Vorteilssuche, Anpassung an Macht, Bequemlichkeit.

Darum ist auch ein zweiter Aspekt wichtig, den die biblisch orientierte Ethik ernst nimmt: Bestimmte Lebensumstände begünstigen das Böse – Gewalt, Armut, Ausgrenzung, Ungerechtigkeit. Wer nur über „Einzelschuld“ redet, übersieht Strukturen. Wer nur über „Strukturen“ redet, übersieht Verantwortung. Die Bibel hält beides zusammen: persönliches Herz und öffentliche Verhältnisse.

6) Ist das Böse ein Beweis gegen Gott?

Hier treffen Philosophie und Glaube frontal aufeinander. Manche argumentieren: „Allmacht + Güte + reales Böses“ sei logisch unvereinbar – also könne es Gott nicht geben.

Christliche Antworten laufen nicht darauf hinaus, Leid „wegzudiskutieren“. Aber sie zeigen, dass aus der Existenz des Bösen nicht automatisch Gottes Nichtexistenz folgt. Ein zentrales Argument ist die sogenannte Freiheitsverteidigung:

  • Eine Welt mit echten Personen – die wirklich lieben, vertrauen, verantwortlich handeln können – setzt Freiheit voraus.
  • Freiheit bedeutet aber auch: Missbrauch ist möglich.
  • Gott kann freie Geschöpfe schaffen, aber nicht zugleich garantieren, dass Freiheit nie missbraucht wird, ohne Freiheit faktisch abzuschaffen.

Damit ist das Problem nicht „gelöst“ (vor allem nicht das Ausmaß und die Grausamkeit von Leid), aber die Behauptung „Böses widerlegt Gott logisch zwingend“ ist damit zumindest nicht selbstverständlich.

Und hier setzt die Bibel noch einmal anders an: Sie argumentiert oft nicht abstrakt, sondern erzählerisch und existenziell – etwa in Klagepsalmen oder im Buch Hiob. Dort wird nicht erklärt, sondern gerungen: mit Gott, vor Gott, manchmal gegen Gott – und gerade so im Glauben.

7) Warum vernichtet Gott das Böse nicht einfach – sofort?

Das klingt zunächst plausibel: „Wenn Gott gut ist, soll er doch jetzt Schluss machen.“

Die christliche Antwort, wie sie in vielen dogmatischen Entfaltungen erscheint, bündelt mehrere Gedanken:

  1. Freiheit und Verantwortung würden mitausgelöscht
    Wenn Gott das Böse „technisch“ entfernt, entfernt er damit auch die Möglichkeit realer moralischer Entscheidung. Dann bleibt eine Welt ohne echte Verantwortung – und am Ende auch ohne echte Liebe.
  2. Gottes Geduld ist keine Gleichgültigkeit
    Die Bibel kennt Gottes Langmut: Gott richtet nicht sofort, sondern gibt Raum zur Umkehr. Das ist schwer auszuhalten, gerade für Opfer – aber es gehört zum biblischen Gottesbild: Gott lässt Zeit, weil Menschen ihm nicht egal sind.
  3. Gott setzt Grenzen und kann Böses zum Guten wenden – ohne es gutzuheißen
    Die Erfahrung vieler biblischer Geschichten ist: Gott lässt nicht alles zu, er begrenzt, verhindert, lenkt – und kann sogar das, was Menschen böse meinen, in einen größeren Heilsweg einweben. Das ist keine Verklärung des Bösen, sondern die Hoffnung: Das Böse hat nicht das letzte Wort.
  4. Gottes Antwort kulminiert nicht in Erklärung, sondern in Christus
    Der entscheidende Punkt christlichen Glaubens ist nicht: „Wir haben eine Theorie, die alles erklärt“, sondern: Gott bleibt nicht Zuschauer. Er geht in Jesus Christus in Leid, Schuld, Gewalt und Tod hinein. Das Kreuz ist keine intellektuelle Lösung – aber Gottes Selbsthingabe gegen das Böse, mitten in der Welt.
  5. Eschatologische Hoffnung: nicht „Vertröstung“, sondern Zielperspektive
    Das Neue Testament spricht von „neuem Himmel und neuer Erde“ – einer Welt, in der Gerechtigkeit wohnt. Das ist nicht Flucht aus der Gegenwart, sondern die Zusage: Das Böse ist real, aber nicht ewig.

8) Was folgt praktisch für Glauben, Gemeinde und Seelsorge?

Wenn wir das Böse nur theoretisch behandeln, verlieren wir Menschen. Darum zum Schluss drei praktische Linien:

(1) Raum für Klage und Wahrheit
Biblischer Glaube kann klagen. Er muss Leid nicht schönreden. In Predigt und Seelsorge ist oft der heiligste Satz: „Das ist schlimm. Und Gott sieht es.“

(2) Widerstand statt Resignation
Dass Gott die Vollendung schenkt, heißt nicht: Wir warten passiv. Der Glaube lehnt das Böse ab und kämpft – gegen Unrecht, gegen Entwürdigung, gegen Gewaltspiralen, gegen zynische Gleichgültigkeit.

(3) Hoffnung mit Bodenhaftung
Hoffnung ist nicht Optimismus. Hoffnung ist das Vertrauen: Gott wird am Ende Recht schaffen. Und schon jetzt sind Menschen gerufen, Zeichen dieses kommenden Reiches zu setzen: Wahrheit, Versöhnung, Schutz der Schwachen, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit.

9) Schlussgedanke

Das Problem des Bösen bleibt eine offene Wunde – auch im Glauben. Die Bibel nimmt diese Wunde ernst: Sie erklärt nicht alles, aber sie führt in eine Beziehung, die trägt. Nicht: „Du wirst alles verstehen.“ Sondern: „Du bist nicht allein.“ Und: „Das Böse wird nicht siegen.“

Quellen

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  • Huber, Wolfgang. Glaubensfragen: Eine evangelische Orientierung. München: C.H. Beck, 2017.
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  • Hunt, June. Handbuch für biblische Seelsorge. Übers. Georg Huber. Dallas, TX: Hope for the Heart, 2011.
  • Hunt, June. Schlüssel zur biblischen Seelsorge. Übers. Georg Huber. Straubing: Precept Ministries International, 2006–2008. (Hinweis: In den Ausgangstexten stehen teils ungenaue Verweise „Siehe hier“.)
  • Jung, Friedhelm. Glaube kompakt: Grundzüge biblischer Dogmatik. Bornheim/Bonn: Lichtzeichen Verlag, 2018.
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  • Rienecker, Fritz u. a. (Hg.). Artikel „Böse, Bosheit, boshaft.“ In: Lexikon zur Bibel. Witten: SCM R. Brockhaus, 2017.
  • Senn, Felix. Verantwortet glauben: Fundamentaltheologie. Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2016.
  • Townsend, Tim. Letzte Begegnungen unter dem Galgen: Ein amerikanischer Militärseelsorger erlebt die Nürnberger Prozesse. Holzgerlingen: Hänssler, 2016.
  • Wagner, Harald. Dogmatik. Kohlhammer Studienbücher Theologie. Stuttgart: W. Kohlhammer, 2003.

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