Der 2. Johannesbrief: An eine Gemeinde – an eine „auserwählte Herrin“ – oder an Lady Eclecte?

Der 2. Johannesbrief: An eine Gemeinde – an eine „auserwählte Herrin“ – oder an Lady Eclecte?

Ein neuer Blick auf einen alten Mini-Brief – Für und Wider abgewogen

Der 2. Johannesbrief ist winzig. Dreizehn Verse – kaum mehr als eine Postkarte. Und doch hat er eine der spannendsten Adress-Fragen im Neuen Testament ausgelöst:

Zwei antike Frauen im Gespräch (KI generiert)

An wen schreibt „der Älteste“?
An eine konkrete Frau? Oder an eine Gemeinde, die als „Herrin“ personifiziert wird?

Über viele Jahrzehnte drehte sich die Diskussion zwischen diesen beiden Polen. In jüngerer Zeit hat sich die Debatte allerdings erweitert: Der US-Papyrologe Lincoln H. Blumell argumentiert, dass wir nicht nur über die Deutung, sondern über die Textgestalt reden sollten – und dass der Brief ursprünglich an eine Frau namens Eclecte (Ἐκλέκτη / Ἐκλέκτῃ) adressiert gewesen sein könnte.

In diesem Webblogartikel ordne ich die klassischen Positionen ein, integriere den Ansatz von Blumell und prüfe was jeweils dafür und dagegen spricht. Am Ende steht kein künstliches „Problem gelöst“, sondern ein Bild: Wo liegen die stärksten Argumente? Wo bleibt Unsicherheit? Und was ändert sich (oder auch nicht) für die Botschaft des Briefes?

1) Der Ausgangspunkt: Eine Anrede, die mehrdeutig wirkt

Der Brief beginnt (griechisch stark verkürzt):

ὁ πρεσβύτερος ἐκλεκτῇ κυρίᾳ καὶ τοῖς τέκνοις αὐτῆς…
„Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder…“

Zwei Wörter sind der Zündfunke:

  • κυρίᾳ (kyria) = „Herrin / Dame / Frau“ (kann höfliche Anrede sein)
  • ἐκλεκτῇ (eklektē) = „auserwählt“ (gewöhnlich als Adjektiv gelesen)

So entsteht die verbreitete Übersetzung: „an die auserwählte Herrin“.

Und jetzt kommt die entscheidende Frage:
Ist das eine wörtliche Anrede an eine Frau? Oder ein Deckname/Bild für eine Gemeinde?

2) Lesart A: Der Brief geht an eine konkrete Frau (und ihre „Kinder“)

Diese Lesart wirkt zunächst ganz natürlich – gerade beim ersten Lesen.

Was dafür spricht

(1) Der Brief klingt persönlich.
Er ist kurz, direkt, vertraulich. Der Älteste schreibt wie jemand, der Adressatin und Situation kennt.

(2) „Herrin“ passt als höfliche Anrede.
Kyria kann schlicht eine respektvolle Anrede sein – „Dame“, „Frau“.

(3) „Kinder“ kann wörtlich oder haushaltsbezogen sein.
Selbst wenn nicht nur leibliche Kinder gemeint wären: In der Frühzeit war das Haus ein sozialer Mittelpunkt. Es könnte um eine Frau gehen, deren Haus ein wichtiger Treffpunkt war.

Was dagegen spricht

(1) Im Brief steht auffällig viel „ihr/euch“ (Plural).
Das ist kein K.O.-Argument (man kann „du + dein Hauskreis“ meinen), aber es macht die reine „Privatbrief“-Lesart erklärungsbedürftig.

(2) Das Thema ist ausgesprochen „gemeindepraktisch“.
Die Kernwarnung betrifft reisende Lehrer und die Frage, wen man aufnimmt und unterstützt. Das ist schnell eine Sache, die nicht nur das Wohnzimmer, sondern die ganze Hausgemeinschaft betrifft.

3) Lesart B: Der Brief geht an eine Gemeinde – als „Herrin“ personifiziert

Hier wird „Herrin“ nicht als Person, sondern als poetische Personifikation gelesen: Die Gemeinde als „sie“, die Mitglieder als „Kinder“.

Was dafür spricht

(1) Der Schlussgruß ist ein echtes Schwergewicht.
Am Ende heißt es:

„Die Kinder deiner auserwählten Schwester grüßen dich.“ (V.13)

Wenn „Herrin“ = Gemeinde, liegt „auserwählte Schwester“ = Schwestergemeinde nahe: Mitglieder der Gemeinde am Absenderort grüßen die Empfängergemeinde. Das passt erstaunlich glatt.

(2) Biblische Personifikation ist nicht fremd.
Israel/Jerusalem wird oft weiblich gedacht, und im NT erscheint die Kirche als Braut. Eine weibliche Personifikation ist also nicht prinzipiell abwegig.

Was dagegen spricht

(1) Die Personifikation ist hier sehr stark und sehr konkret.
Der Brief klingt „wie an eine Person“, bleibt aber zugleich anonym (kein Ort, kein Name). Das kann Absicht sein – aber der Text sagt uns nicht, warum er so schreibt.

(2) „kyria“ als Chiffre ist möglich, aber nicht zwingend.
Man muss den Schritt „Gemeinde = Herrin“ bewusst mitvollziehen.

4) Die Deutung von Blumell: Nicht nur Deutung – sondern Textkritik

„Lady Eclecte“ als Rekonstruktion des ursprünglichen Briefkopfs

Bis hierhin bewegen wir uns im klassischen Feld: Interpretation.
Blumell setzt aber an einem anderen Punkt an. Er sagt sinngemäß:

Die herkömmliche Form ἐκλεκτῇ κυρίᾳ sei als Anredeform „weitgehend ohne Parallele“. Wahrscheinlicher sei, dass der Text ursprünglich anders lautete – und durch einen sehr kleinen Abschreibfehler entstellt wurde.

4.1 Der Kern seiner Rekonstruktion

Blumell argumentiert, dass der Briefkopf ursprünglich dem Muster antiker Briefe entsprach:

  • Sender (Nominativ)
  • Empfängername (Dativ, ohne Artikel)
  • Höfliche Bezeichnung/Titel (mit Artikel)

Als Parallelbeispiel nennt er 3. Joh 1:
„Der Älteste an Gaius, den Geliebten“ – mit klarer Struktur: Name ohne Artikel, Beiname mit Artikel.

Übertragen auf 2. Joh 1 ergibt sich bei Blumell:

Ἐκλέκτῃ τῇ κυρί – „(an) Eclecte, die Dame“

Das Entscheidende ist der kleine Unterschied: Nicht „auserwählte Herrin“, sondern Name + Artikel + kyria.

4.2 Wie soll es zu der heutigen Form gekommen sein?

Blumell erklärt das mit einem typischen Kopierproblem (scriptio continua, Auslassen bei Doppelungen). Er skizziert, dass aus einer Buchstabenfolge wie εκλεκτητηκυρια durch Auslassung (haplography / Article-Ellipsis) εκλεκτηκυρια wurde – und diese Form dann als „auserwählte Herrin“ gedeutet und artikuliert wurde.

4.3 Ist „Eclecte“ überhaupt ein Name?

Ein Standard-Einwand lautet: „Eclecte kennt doch niemand als Namen.“
Blumell hält dagegen: Der Name Ἐκλέκτη (Eclecte) sei onomastisch belegbar (Inschriften/Onomastika) und sogar häufiger bezeugt als ein Teil der weiblichen NT-Namen insgesamt; zudem sei der männliche Gegenname Eclectus mehrfach in Papyri der ersten beiden Jahrhunderte belegt.

4.4 Und was macht Blumell aus dem Briefinhalt?

Wenn die Adressatin tatsächlich eine Frau namens Eclecte ist, dann liest Blumell 2. Joh als „echten Personalbrief“ in einem Netzwerk. Eclecte habe eine prominente Stellung; der Älteste traue ihr zu, seine Weisungen durchzusetzen – ähnlich wie Diotrephes in 3. Joh Einfluss ausübt, dort allerdings destruktiv.

Blumell diskutiert dabei auch die Rolle des „Hauses“ in 2. Joh 10 („nehmt ihn nicht ins Haus“) und deutet es als realen Ort, der innerhalb des Netzwerkes eine Art Anlaufstelle war – mit Eclecte als Schlüsselperson.

5) Blumells Aussagen abwägen: Was überzeugt – und wo bleibt Spannung?

Damit es nicht „neue These = neue Gewissheit“ wird, hier wirklich nüchtern:

Was an Blumell bedeutsam ist

(1) Er bringt ein solides epistolographisches Argument.
Das Muster „Name im Dativ ohne Artikel + höfliche Bezeichnung mit Artikel“ ist in antiken Briefen gut belegt – Blumell zeigt dafür Papyrusbeispiele mit τῇ κυρίᾳ.

(2) Er erklärt elegant, warum die traditionelle Anrede so „rätselhaft“ wirkt.
Wenn die heutige Form Ergebnis einer minimalen Entstellung ist, wird verständlich, warum Ausleger seit langem von einer „ungewöhnlichen Anrede“ sprechen.

(3) Er erinnert daran, dass die Frage historisch nie völlig erledigt war.
Blumell zeigt, dass schon in der Editionsgeschichte Varianten/Notizen existierten (Griesbach erwähnt Lesungen/Artikulationen, die in Richtung „Ἐκλέκτῃ τῇ…“ gehen).

Wo man vorsichtig sein muss

(1) Textkritik lebt von Zeugen – nicht nur von Plausibilität.
Auch wenn die Rekonstruktion gut „passt“, bleibt die Frage nach der handschriftlichen Breite und Gewichtung. Blumell argumentiert, dass es sogar entsprechende Lesespuren im Manuskriptbereich gebe, die bisher nicht ernst genug genommen wurden.
Aber: Ob das die Mehrheit der Textkritiker überzeugt, entscheidet sich an der Gesamtbilanz der Zeugen und Kriterien – das ist ein Prozess.

(2) V.13 bleibt der Prüfstein.
Der Schlussgruß „Kinder deiner auserwählten Schwester“ klingt für viele weiterhin sehr gemeindlich. Blumell deutet das als Hinweis auf eine zweite prominente Frau im Netzwerk („elect sister“) und liest „Kinder“ im Netzwerk-Jargon.
Das ist möglich – aber es ist genau der Punkt, an dem Leser unterschiedlich „einrasten“.

(3) Konsenslage: Blumell steht gegen eine verbreitete Mehrheitslinie.
Er selbst beschreibt, dass in vielen neueren Kommentaren die Gemeindepersonifikation weiter dominiert.
Das heißt: Blumell ist ein ernstzunehmender Impuls – aber (noch) nicht „die neue Selbstverständlichkeit“.

6) Was folgt daraus für die Frage „Ist 2. Joh an eine Frau gerichtet?“

Nach Einbezug von Blumell lohnt es, die Landkarte sauber zu zeichnen:

  1. Gemeinde-Deutung (Personifikation):
    Starke Erklärung für V.13; traditionell sehr verbreitet.
  2. Frau-Deutung (ohne textkritische Änderung):
    Nimmt den personalen Ton ernst; erklärt Plural durch „Haushalt/Hausgemeinschaft“.
  3. Frau-Deutung mit Blumells Rekonstruktion („Lady Eclecte“):
    Versucht, die Mehrdeutigkeit bereits im Briefkopf textkritisch zu lösen: Name + Titel, nicht Metapher.

Ein Zwischenfazit (auf den zweitem Blick):

  • Ohne Blumell bleibt „Gemeinde vs. Frau“ offen, mit guten Gründen auf beiden Seiten.
  • Mit Blumell kommt eine dritte Option hinzu, die die Anrede formal erstaunlich gut erklärt – aber ihre Durchsetzung hängt daran, ob die textkritische Argumentation in der Breite überzeugt.

7) Und „Eklekte“? Name oder Attribut?

Hier hilft eine klare Unterscheidung:

  • In der klassischen Lesart ist ἐκλεκτῇ schlicht das Adjektiv „auserwählt“.
  • Bei Blumell ist Ἐκλέκτῃ ein Name, und das entscheidende Stück ist τῇ κυρί als höflicher Titel im Briefkopf.

Das heißt: Die Frage „Wer ist Eklekte?“ beantwortet man je nachdem, welcher Textgestalt man folgt. Und genau deshalb ist Blumell so brisant: Er macht aus einer Interpretationsfrage eine Textfrage.

8) Was bleibt theologisch fest – egal, wie die Adressfrage endet?

Am Ende ist 2. Joh nicht primär ein Rätselbrief, sondern ein Weckruf:

  • Liebe ohne Wahrheit wird naiv.
  • Wahrheit ohne Liebe wird hart.
  • Gastfreundschaft ist christlich – aber nicht grenzenlos gegenüber zerstörerischer Lehre.

Ob das an eine Gemeinde oder an eine Frau (oder an Lady Eclecte) geschrieben ist: Der Brief will eine Gemeinschaft schützen – nicht durch Misstrauen als Lebensstil, sondern durch klare Loyalität zu Christus.

Und wenn Blumell recht haben sollte, kommt eine geschichtliche Pointe hinzu: Dann wäre im NT tatsächlich ein Brief erhalten, dessen Hauptadressatin eine namentlich greifbare Frau ist, die in einem kirchlichen Netzwerk Verantwortung und Einfluss trägt.

Quellen

  • Frank Binford Hole, Grundzüge des Neuen Testaments (1989).
  • Matthew Henry, Der Neue Matthew Henry Kommentar (2017).
  • Beate Ego / Christoph Rösel / Ulrich Heckel (Hg.), Stuttgarter Erklärungsbibel (2023).
  • BasisBibel: Das Neue Testament und die Psalmen (2012).
  • Merrill F. Unger, Ungers Großes Bibelhandbuch (2003).
  • Jürg Buchegger-Müller, Die Briefe des Johannes (HTA NT, 2023).
  • Arend Remmers, Die Bibel im Überblick (2016).
  • Constantine R. Campbell, 1, 2 & 3 John (Story of God Bible Commentary, 2017).
  • Karen H. Jobes, 1, 2, & 3 John (ZECNT, 2014).
  • L. L. Morris, „Elect Lady“, in: New Bible Dictionary (1996).
  • Lexham Bible Dictionary, Artikel „John, Second Letter of“.
  • Lincoln H. Blumell, Lady Eclecte: The Lost Woman of the New Testament (Fortress Press).

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