
Der vierfache Schriftsinns (Quadriga) von 1 Samuel 17 – mit Textkritik, kanonischem Horizont und deutscher Forschung
Dieser Artikel entstand in Anlehnung an Patrick Schreiners Artikel im Logos-Blog Word by Word – David, Goliath—& Jesus? A Familiar Story’s Fourfold Sense
1) Einstieg: Warum diese Geschichte hermeneutisch so „gefährlich“ ist
Die Erzählung von David und Goliath ist so bekannt, dass sie leicht zu einer Projektionsfläche wird: „Der Kleine schafft’s gegen den Großen.“ Genau deshalb taugt sie – wie Patrick Schreiner zurecht betont – als Testfall für unsere Hermeneutik: Was machen wir mit einem Text, den wir schon zu kennen meinen? (Logos)
Zwei Verkürzungen liegen nahe:
- Moralische Verkürzung: David wird zum Motivationscoach. Der Text wird zur Anleitung, wie man persönliche „Riesen“ umhaut.
- Christologische Verkürzung (als Gegenreaktion): Man ruft: „Du bist nicht David!“ – und meint damit: „Der Text sagt über dich gar nichts, nur über Christus.“
Beides greift zu kurz. Die alte Lehre vom vierfachen Schriftsinn (Quadriga) ist deshalb hilfreich, weil sie nicht „mehr Beliebigkeit“ will, sondern mehr Tiefe bei klarer Reihenfolge: vom historischen Wortsinn ausgehend entfalten sich geistliche Dimensionen – ohne den Text zu verlassen. (Logos)
2) Der wörtliche Sinn: Was der Text in seiner eigenen Welt sagt (sensus litteralis)
2.1 Szene, Dramaturgie, Pointe
1 Sam 17 erzählt eine militärische Pattsituation: zwei Heere auf zwei Hügeln, dazwischen das Tal. Goliath tritt als „Vorkämpfer“ auf und fordert den Zweikampf. Das ist nicht nur Action – es ist eine Inszenierung von Macht, Angst und öffentlicher Demütigung. (die-bibel.de)
Die Erzählkunst setzt auf Kontrast:
- Goliath: Größe, Rüstung, Waffen, professionelle Kriegslogik.
- David: Jugend, Hirtenalltag, Schleuder, Steine – scheinbar unpassend.
Die Pointe wird durch die Theologie des Samuelbuches vorbereitet: Nicht die äußere Erscheinung entscheidet, sondern Gottes Blick und Gottes Handeln (vgl. 1 Sam 16,7 – unmittelbarer Kontext). Die Goliath-„Detailbeschreibung“ ist also nicht bloß historisches Kolorit, sondern trägt die theologische Spannung.
2.2 David als „gesalbter, noch nicht gekrönter“ König
Literarisch steht die Geschichte zwischen Davids Salbung (1 Sam 16) und seiner öffentlichen Anerkennung. Sie gehört in den Komplex der Aufstiegserzählung: Wie wird aus dem unscheinbaren Hirten der legitime Träger von Israels Zukunft? (die-bibel.de)
Dass Saul zögert, ist kein Zufall: Das Samuelbuch zeichnet Sauls Königtum als innerlich instabil. David dagegen argumentiert theologisch: Goliath ist „unbeschnitten“ – nicht als ethnischer Spott, sondern als Bundesmarker: Er steht außerhalb des Bundes, verhöhnt aber „die Heere des lebendigen Gottes“.
2.3 Kleine textkritische Prüfung: „Wie groß war Goliath eigentlich?“
Hier lohnt sich ein zweiter Blick, weil Zahlen in Samuel-Texten textkritisch oft schwierig sind. Es gibt alte Zeugen, die Goliaths Größe nicht mit „sechs Ellen und eine Spanne“, sondern mit „vier Ellen und eine Spanne“ überliefern (u.a. LXX, 4QSamᵃ; teils auch Josephus; viele moderne Bibeln vermerken das in Fußnoten). Das ändert die theologische Pointe nicht – aber es erinnert: Die Überlieferungsgeschichte ist komplex, und „Riese“ kann auch „außergewöhnlich groß“ bedeuten, ohne Comicmaßstab. (Crossway)
2.4 Zweite textkritische Prüfung: „Hat nicht Elhanan Goliath getötet?“
WiBiLex weist auf die bekannte Spannung hin: 1 Sam 17 schreibt den Sieg David zu, 2 Sam 21,19 nennt Elhanan. Innerbiblisch wird das in 1 Chr 20,5 so gefasst, dass Elhanan den Bruder Goliaths erschlug – was viele als Klärung einer Überlieferungs- bzw. Schreibproblematik verstehen. Jedenfalls: Die Tradition ist nicht „naiv glatt“, sondern kanonisch verarbeitet. (die-bibel.de)
Wörtlicher Kern: 1 Sam 17 erzählt (in kunstvoller Dramaturgie) Gottes Rettung Israels durch einen unerwarteten Stellvertreter – und stellt Davids Königsprofil heraus: Vertrauen, Eifer für Gottes Ehre, Mut gegen die öffentliche Lästerung.
3) Der allegorische Sinn: Erfüllung in Christus – Typologie statt Willkür (sensus allegoricus)
Schreiners Hauptimpuls ist: Wer die Bibel christlich liest, darf (und muss) fragen, wie dieser Text in Christus „aufgeht“. Das ist nicht Modernisierung, sondern entspricht dem biblischen Selbstzeugnis, dass die Schriften auf Christus hin gelesen werden (vgl. Lk 24). (Logos)
3.1 David als Typus: Stellvertretung als Schlüssel
Typologie arbeitet nicht mit „Geheimcodes“, sondern mit realen Mustern in Gottes Geschichte:
- David tritt für das Volk ein.
- Das Volk profitiert vom Sieg, den es nicht selbst erringen konnte.
- Die Rettung geschieht „nicht durch Schwert und Spieß“ (1 Sam 17,47).
Das ist ein erstaunlich starkes Struktur-Motiv, das im Neuen Testament zur Deutung von Christi Werk passt: Christus handelt stellvertretend – er kämpft den entscheidenden Kampf, den wir nicht gewinnen können.
3.2 Goliath als „Feindmacht“ – aber vorsichtig!
Schreiner deutet Goliath nicht nur als Gegner Israels, sondern als Verdichtung der feindlichen Mächte: Sünde, Tod, Satan. Diese Linie hat Tradition; sie funktioniert besonders dort, wo die Erzählung „mehr als Krieg“ zeigt: Lästerung, öffentliche Einschüchterung, Chaos. (Logos)
Gleichzeitig lohnt ein nüchterner Check: Manche symbolischen Details (etwa Wortklänge Bronze/Schlange) sind homiletisch reizvoll, aber nicht immer zwingend. Eine solide typologische Lesart braucht nicht jeden Lautähnlichkeits-Effekt; sie trägt schon durch das große Muster: Stellvertretung, Rettung, Königsweg.
3.3 „Kopf der Schlange“ – die starke kanonische Linie
Sehr tragfähig ist der Bezug zu Gen 3,15: „Kopf treffen“ ist ein biblisches Bild für den entscheidenden Sieg über den Urfeind. In 1 Sam 17 fällt Goliath durch einen Treffer an der Stirn; danach wird er endgültig entmachtet. Als typologische Linie ist das gut vertretbar: David als Vorläufer des Messias, dessen Sieg endgültig ist. (Logos)
Allegorischer Kern: In David erscheint ein Vorschein Christi: der Gesandte, der Stellvertreter, der König, der im Vertrauen auf Gott den Feind besiegt – zugunsten eines zitternden Volkes.
4) Der tropologische Sinn: Was das für gelebten Glauben heißt (sensus tropologicus)
Hier kommt die moralische Dimension – aber in der richtigen Reihenfolge: nicht „Sei David!“, sondern: Weil Christus der wahre Sieger ist, kannst du glauben, handeln, widerstehen.
4.1 Mut als Frucht von Erinnerung
Davids Mut entsteht nicht aus Selbstüberschätzung, sondern aus erinnerter Erfahrung: Gott hat ihn beim Schutz der Herde bewahrt – also wird Gott auch jetzt bewahren. Das ist geistlich sehr realistisch: Glaubensmut wächst oft aus rückblickender Treueerfahrung.
4.2 Nicht Sauls Rüstung: Die Frage nach den „angemessenen Waffen“
David lehnt Sauls Rüstung ab – nicht, weil Rüstung „böse“ wäre, sondern weil sie ihm nicht entspricht und nicht sein Vertrauen trägt. Tropologisch ist das eine ernste Frage: Welche Strategien sind bloß geliehene „Rüstungen“, die uns fremd sind – und welche Gaben/Wege hat Gott uns tatsächlich anvertraut?
Die Bibeldidaktik weist übrigens genau darauf hin: Die Geschichte spielt mit Alltagserfahrung („meist gewinnt der Stärkere“) und erzählt bewusst dagegen an – ohne billige Erfolgsromantik. (die-bibel.de)
4.3 Der „Riese“ als Außen- und Innenfeind
Christliche Tradition hat Goliath auch als Bild innerer Mächte gelesen (Stolz, Angst, Begierde). Das kann geistlich fruchtbar sein – solange es nicht den Text austauscht. Eine moderne kritische Stimme bringt es treffend auf den Punkt: moralische Anwendung ja, aber nicht jede Symbolzuweisung hat Textgrund. (Das ist ein guter Warnhinweis gegen fromme Fantasie.) (exegesisandtheology.com)
Tropologischer Kern: Weil Gott rettet, werden Glaubende frei zu Vertrauen, Mut und passender Praxis – nicht als Selbstrettungsprogramm, sondern als Antwort auf Gottes Sieg.
5) Der anagogische Sinn: Wohin das Ganze zielt (sensus anagogicus)
Anagogisch heißt: Die Geschichte öffnet einen Horizont über die Gegenwart hinaus. Davids Sieg ist nicht die Vollendung der Welt – aber er ist ein „Vorschein“: Gott wird seine Feinde endgültig entmachten und sein Reich sichtbar aufrichten.
Hier passt die kanonische Perspektive: Die Davidlinie wird im Neuen Testament zur Hoffnungslinie – Jesus als „Sohn Davids“, der das Reich Gottes nicht nur ankündigt, sondern vollendet. Für die davidische Messiasverortung Jesu sind neutestamentliche Belege zentral (Genealogien, Anrufungen „Sohn Davids“ etc.); eine neutestamentliche Facharbeit fasst das gut zusammen. (ub01.uni-tuebingen.de)
Anagogischer Kern: Die Gemeinde lebt zwischen „entscheidend gewonnen“ und „noch nicht vollendet“ – und richtet ihre Hoffnung auf Gottes endgültiges Handeln.
6) Was die Quadriga leistet – und wo sie Grenzen hat
Die Quadriga ist keine Einladung zur Bedeutungsbeliebigkeit. Seriös verstanden gilt:
- Der wörtliche Sinn trägt alles.
- Der allegorische Sinn (Christus) wächst aus dem Text und dem Kanon.
- Der tropologische Sinn folgt daraus als Lebenspraxis.
- Der anagogische Sinn hält die Hoffnung offen.
Diese Ordnung findet sich in der Tradition in knapper Merkformel („Littera gesta docet…“), die in der Forschung gut dokumentiert ist. (books.ub.uni-heidelberg.de)
Und dennoch: Man muss aufpassen, dass man nicht aus einzelnen Details „Beweisketten“ bastelt. Der Text ist stark genug – er braucht keine Überladung. Gerade bei David/Goliath ist die Versuchung groß, aus jeder Bronze-Schuppe gleich kosmische Dämonologie zu machen. Das kann man homiletisch anspielen, aber exegetisch sollte es als Möglichkeit markiert bleiben.
Schluss: Wie man David und Goliath so liest, dass es Christus ehrt – und die Gemeinde nährt
Wenn du die Geschichte nur moralisch liest, wird sie schnell zur Leistungserzählung: „Du musst nur mutig sein.“ Wenn du sie nur christologisch liest und jede Anwendung abschneidest, bleibt eine schöne Wahrheit „da oben“, aber sie landet nicht im Leben.
Die Quadriga hilft, beides zusammenzuhalten:
- Gott handelt real in der Geschichte (wörtlich).
- Christus ist der wahre Sieger und Stellvertreter (allegorisch/typologisch).
- Glaube lebt als Antwort – nicht als Selbsterlösung (tropologisch).
- Hoffnung bleibt größer als der Augenblick (anagogisch).
So wird aus der bekanntesten „Underdog-Story“ der Bibel wieder das, was sie eigentlich ist: eine Erzählung darüber, dass „der Kampf dem HERRN gehört“ – und dass Gottes Rettung einen Namen bekommt: den Namen des kommenden Königs.
Quellen (mit deutscher Literatur und Primärtexten)
Primärquelle:
- Patrick Schreiner: „David, Goliath—& Jesus? A Familiar Story’s Fourfold Sense“, Logos (Grow / Word by Word), 20. Januar 2026. (Logos)
Bibeltexte (deutsch online):
- 1 Samuel 17, Lutherbibel 2017 (die-bibel.de). (die-bibel.de)
- 1 Samuel 17, BasisBibel (die-bibel.de). (die-bibel.de)
- Bibeltext 1 Sam 17 (Uni Innsbruck, Leseraum). (Universität Innsbruck)
Deutschsprachige Fachressourcen (AT, Kontext, Figuren):
- WiBiLex: Artikel „Goliat“ (inkl. Hinweis auf 2 Sam 21,19 / Elhanan). (die-bibel.de)
- WiBiLex: Artikel „David (AT)“. (die-bibel.de)
- WiBiLex: Artikel „Philister“. (die-bibel.de)
- WiReLex (bibel-didaktisch): „König David, bibeldidaktisch“ (didaktische Perspektive zur Goliat-Erzählung). (die-bibel.de)
Vierfacher Schriftsinn / Quadriga (deutsche Einführung & Forschung):
- Glossar Uni Kiel: „Lehre vom mehrfachen Schriftsinn“. (litwiss-online.uni-kiel.de)
- Universität Heidelberg (heibooks, PDF): Abschnitt zur Lehre vom mehrfachen Schriftsinn (inkl. Jerusalem-Beispiel und Merkvers). (books.ub.uni-heidelberg.de)
- MediaeWiki (Uni Konstanz): „Vierfacher Schriftsinn“. (wiki.uni-konstanz.de)
- SchwabeOnline (Historisches Wörterbuch der Philosophie, Lemma-Ausschnitt): „Schriftsinn / mehrfacher Schriftsinn“ (Begriffsprofil sensus litteralis vs. spiritualis). (schwabeonline.ch)
Textkritische Vertiefung (Goliaths Größe; Überlieferungsfragen):
- Crossway: „How Tall Was Goliath? A Textual Dilemma“ (LXX/4QSamᵃ vs. MT). (Crossway)
- BibleGateway (NRSVCE/NABRE Fußnote): Hinweis auf LXX/4QSamᵃ „four cubits“. (biblegateway.com)
- Tyndale House: „Who killed Goliath? The puzzling text of 2 Samuel 21:19“ (Textproblem und plausible Lösung). (tyndalehouse.com)
Typologische / kanonische Lesarten (englisch, ergänzend):
- Jason Hood: „Finding Our Champion: A Biblical Theology of David and Goliath“, The Gospel Coalition. (The Gospel Coalition)
