Warum der Exodus – der Durchzug durchs „Rote Meer“ nicht durch einen Tsunami verursacht ist

Mose führt das VolkIsrael durch das Rote Meer (mit KI Generiert)
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Einleitung

Mich bewegte schon lange die Frage, ob die Meeresteilung beim Durchzug durch das Rote Meer durch einen Tsunami verursacht wurde. Wir haben ja immer wieder gesehen, welche Kräfte da wirken können und wie sich Wasser dabei zurückzieht. Darum habe ich mich noch einmal neu mit dem Thema beschäftigt und einiges analysiert.


Einstieg

Ein Tsunami passt weder zum biblischen Ablauf (nächtlicher Ostwind, allmähliche Freilegung, anschließend schnelles Zurückströmen) noch zur Chronologie (Santorin-Eruption deutlich früher als gängige Exodusdatierungen) noch zur Topographie (wahrscheinlich Flachwasser-/Schilfgebiete). Plausibler ist ein starker, anhaltender Ostwind in einem flachen „Schilfmeer“ (hebr. jam suf), der das Wasser zeitweise wegdrückt („Wind-Setdown“) – oder eine rein theologische Deutung als Wunder Gottes.


1) Was ist überhaupt ein Tsunami – und was wäre zu erwarten?

  • Charakter: sehr schnelle Wasserverlagerung, kurze Trockenlegung (Minuten) und mehrere Wellen, nicht stundenlang frei liegendes Gelände.
  • Richtung: Im Nildelta käme eine Tsunamiwelle aus dem Mittelmeer (NW/W).
  • Zeitprofil: Kein „die ganze Nacht“ andauernder Prozess.

Konflikt mit Ex 14: Der Text betont einen starken Ostwind „die ganze Nacht“ (hebr. ruach qadim kol-halaila) – ein völlig anderes Wirkungsprofil als ein Tsunami.


2) Den Bibeltext genau lesen (Ex 14,1–15,21)

  • Wind und Dauer: „Der HERR trieb das Meer durch einen starken Ostwind die ganze Nacht zurück“ (Ex 14,21).
  • Durchgang: Israel zieht mitten hindurch; die Wasser stehen ihnen „wie eine Mauer“ (hebr. chomah) zur Seite – eine bildkräftige Schutz-Metapher für Gottes Retterhandeln.
  • Rückkehr: Als die Ägypter nachsetzen, kehrt das Wasser zurück und erfasst sie.

Das literarische Ziel des Textes ist die Glaubensverkündigung: Gott öffnet einen Weg, wo keiner ist. Der Text will Gottes Handeln bezeugen – nicht primär Naturmechanik protokollieren.


3) Geographie: jam suf heißt „Schilfmeer“, nicht zwingend „Rotes Meer“

  • Wörtlich: jam suf = „Meer des Schilfs/Röhrichts“.
  • Konsequenz: Der Schauplatz muss kein tiefes offenes Meer sein. Wahrscheinlicher sind flache Lagunen/Seen am Ostrand des Nildeltas (z. B. Bitterseen, Menzaleh-/Bardawil-Lagunen).
  • Warum wichtig? In flachen Gewässern kann ein anhaltender Wind große Wassermengen seitlich verdrängen und so vorübergehend Land freigeben.

4) Chronologie: Santorin passt zeitlich nicht

  • Die populäre Idee: Ein Vulkanausbruch (Thera/Santorin) habe einen Tsunami ausgelöst, der den Exodus erklärt.
  • Problem: Die Eruption datiert (radiokarbon/archäologisch) meist in das 17. Jh. v. Chr.; viele Exodus-Modelle verorten den Auszug im 13. Jh. v. Chr.Jahrhunderte Abstand.
  • Selbst alternative Datierungen lösen das Textprofil-Problem (Ostwind, ganze Nacht) nicht.

5) Physikalisch plausibel: Wind-Setdown in Flachwasser

  • Mechanismus: Ein starker, anhaltender Ostwind (mehrere Stunden) kann in flachen, weitläufigen Lagunen den Wasserspiegel um Dezimeter bis Meter absenken und Wasser „aus dem Becken drücken“.
  • Ergebnis: Ein zeitweiliger Landsteg wird begehbar.
  • Schluss: Lässt der Wind nach (oder kippt die Drucklage), strömt das Wasser schnell zurück – das erklärt, warum die nachsetzenden Ägypter überrascht werden.

(So ein naturhaftes Szenario schließt Gottes Handeln nicht aus – die Bibel deutet gerade diese Erfahrung als Führung Gottes.)


6) Einwände fair prüfen

„Aber wir kennen doch Tsunamis mit starkem Rückzug!“
Ja, der kurze Rückzug direkt vor dem Eintreffen der Welle ist bekannt. Das biblische Szenario beschreibt jedoch stundenlangen Wind und einen stabilen Durchgang, nicht eine rasche Ebbe-Flut-Sequenz.

„Und wenn es einfach ein Wunder war?“
Das ist eine legitime theologische Lesart. Die Bibel beansprucht, dass Gott selbst rettet. Wer naturgeschichtlich fragt, wird jedoch feststellen: Wind-Setdown passt besser zu den Textsignalen als ein Tsunami.


7) Was bleibt offen?

  • Exakter Ort und Exodus-Datierung sind in der Forschung umstritten.
  • Die Zweckrichtung des Textes ist theologisch. Naturmodelle können annähern, aber sie ersetzen nicht die Glaubensaussage.

8) Theologische Pointe – damals wie heute

Die Exodus-Geschichte verkündet: Gott bahnt Wege, wo Menschen nur Wasser und Chaos sehen. Ob wir das Ereignis als reines Wunder verstehen oder als Gottes Handeln mittels Natur, die Botschaft ist dieselbe: Rettung, Freiheit, Vertrauen.
Und sie erinnert uns daran, auch heute mit Verantwortung und Gottvertrauen an den großen Wasserfragen unserer Zeit zu arbeiten – ob Dürre, Flut oder Meeresspiegel.


Quellen:

Primär- und Grundtexte
  • Bibeltext: Exodus 14,1–15,21 (Durchzug durchs jam sûf).
  • Begriff: jam sûf („Schilf-/Röhricht-Meer“), vgl. hebräisches סוּף.

Sekundärliteratur (Monografien)
  • Humphreys, Colin: The Miracles of Exodus: A Scientist’s Discovery of the Extraordinary Natural Causes of the Biblical Stories. San Francisco: HarperOne, 2004 (u. a. Neuaufl.). (HarperCollins, Google Bücher)
  • Dever, William G.: Has Archaeology Buried the Bible? Grand Rapids: Eerdmans, 2020. (Eerdmans Publishing Co, Google Bücher)
  • Freund, Richard A.: Digging Through the Bible: Understanding Biblical People, Places, and Controversies through Archaeology. Lanham: Rowman & Littlefield, 2008. (rowman.com)
  • Petterson, Robert: The One Year Book of Amazing Stories: 365 Days of Seeing God’s Hand in Unlikely Places. Carol Stream: Tyndale Momentum, 2018.
  • Curtis, Adrian H. W.: Joshua (Sheffield Old Testament Guides). Sheffield: Sheffield Academic Press, 1998. (es.logos.com)
  • Hoffmeier, James K.: Ancient Israel in Sinai: The Evidence for the Authenticity of the Wilderness Tradition. Oxford: Oxford University Press, 2005. (Oxford University Press)

Hinweis: Curtis bietet Hintergründe zur Landnahme/Topographie; Hoffmeier diskutiert Delta-/Sinai-Routen und den Begriff jam sûf. (Ein frei zugängliches PDF einer Ausgabe kursiert online.) (ancientinsights.files.wordpress.com)


Fachartikel (Ozeanographie, Hydrodynamik: Wind-Setdown/Seiche)
  • Drews, Carl / Han, Weiqing: “Dynamics of Wind Setdown at Suez and the Eastern Nile Delta.” PLOS ONE 5/8 (2010): e12481. (Open Access inkl. Modellierung und Tanis-Lokalität.) (PLOS, PMC, Atmospheric and Oceanic Sciences)
  • Nof, Doron / Paldor, Nathan: “Are There Oceanographic Explanations for the Israelites’ Crossing of the Red Sea?” Bulletin of the American Meteorological Society 73 (1992): 305–314. (Seiche-/Wind-Szenarien, populär rezipiert.) (Astrophysics Data System, Phys.org, doronnof.net)

Datierung der Santorin-Eruption (Chronologie-Argument gegen die Tsunami-These)
  • Friedrich, W. L. et al.: “Santorini Eruption Radiocarbon Dated to 1627–1600 B.C.” Science 312 (2006): 548–551. (Präzise ^14C-Datierung; liegt deutlich vor gängigen Exodus-Datierungen.) (Science, PubMed, ltrr.arizona.edu)

Sprach-/Topographie-Notiz zum jam sûf
  • Überblick zur Lesart „Sea of Reeds“ (mit Verweisen auf Kitchen/Hoffmeier): “New Evidence from Egypt on the Location of the Exodus Sea Crossing (Part I)”, Associates for Biblical Research (Zusammenfassung mit Literatur). (Bibelarchäologie)

Pressenotizen/Populärwissenschaftliche Zusammenfassungen
  • “Parting the waters: Computer modeling applies physics to the Red Sea escape route.” Phys.org (2010). (Laienverständliche Zusammenfassung der Drews/Han-Ergebnisse). (Phys.org)
  • “Scientists suggest natural explanation for Moses’ parting of the Red Sea.” Jerusalem Post (2025). (Aktuelle Berichterstattung, verweist auf Wind-Modelle.) (Jerusalem Post)

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