Der Dienst als Pfarrer bringt sie dazu ihre Identität aufzugeben

(c) sxc/hu/dogmadic
(c) sxc.hu/dogmadic

Jeder Mensch hat erst einmal eine Persönlichkeit und eine Identität. Und jeder Mensch „spielt“ eine oder mehrere Rollen. Diese sind von ganz unterschiedlichen Faktoren geprägt. Das erste einmal sicher von seiner Persönlichkeit, von seinem Charakter, von seinen Veranlagungen und von seiner Bildung. Aber man wird auch von der Herkunft geprägt, einmal von der ethischen Herkunft, von der kulturellen Herkunft und von der familiären Herkunft. Es macht schon einen großen Unterschied, ob jemand in einem großen Familienverband oder als Einzelkind aufwächst. Geprägt wird man von der Gesellschaft, in der man lebt, ob man in einer Großstadt, in einer Kleinstadt oder einem Dorf lebt. Sogar Haustiere können Einfluss auf die Persönlichkeit des Menschen haben. Scherzhaft wird gesagt, dass sich Charaktere und Gesichtsausdruck von Mensch und Tier angleichen. Einfluss auf die Persönlichkeit und die Identität eines Menschen haben der Beruf und die Arbeit. Von einem Lehrer wird erwartet, dass er wie ein Lehrer auftritt. Ein Bäcker sollte irgendwie immer leicht bemehlt auftreten usw.

Uns Pfarrer prägt unser Dienst unsere Persönlichkeit und Identität und damit „die Rolle die wir spielen“. Früher als Student lief er nur in T-Shirt und Jeans herum und heute ist er nicht mehr aus dem Collarhemd heraus zu denken.

Sicher durch Arbeit und Beruf verändern wir uns Menschen, der eine mehr und der andere weniger. Das ist auch etwas abhängig von unserem eigenen Charakter.

Nun als Pfarrer ist man doch gewissen Erwartungen in der Gemeinde gegenüber gestellt. Das von Anfang des Dienstes an. Deshalb beginnt oft relativ schnell für manchen nach dem Ende der Studentenzeit schon eine Zeit der totalen Veränderung bis hin zum Aussehen. Alte Freunde würden ihn gar nicht wieder erkennen. Mit Beginn des Pfarrdienstes strömen die verschiedensten Maßstäbe und Erwartungen anderer auf einen ein: „Als Pfarrer darf man nicht“ oder „Als Pfarrer muss man.“ Und die Gemeinden, viele einzelne Gemeindeglieder und sogar manche Nichtchristen haben da ihre recht festen Vorstellungen, was ein Pfarrer darf und was er nicht darf, was ein Pfarrer tun muss und was er lassen muss. Dann kommt noch der Arbeitgeber „Kirche“ mit seinen Erwartungen. Und man setzt sich selber mit falschen Maßstäben unter Druck, mit denen man noch irgendwie aus alten Zeiten vor geprägt ist.

Wenn man einmal in der Gemeinde eine Umfrage machen würde, was ein Pfarrer alles tun sollte, dann verspreche ich ihnen, dass ein 24 Stunden Tag nicht ausreichen würde, um alle diese Erwartungen zu erfüllen.

Aus DDR-Zeiten wird eine Geschichte überliefert, dass ein junger Pfarrer aus der Stadt aufs Dorf geschickt wird, um dort eine Pfarrstelle zu übernehmen. Die Leute dort erwarten, dass der Pfarrer recht früh, spätestens 6.00 Uhr, aufsteht. Als Zeichen dafür, dass man aufgestanden ist, wurde in dem Dorf das Bettzeug aus dem Fenster gehängt. Nun unser Pfarrer war das nicht gewohnt. Er war eigentlich morgens ein Langschläfer und abends lange auf. Das haben ihm die Leute immer wieder angekreidet. Nun eines Morgens hing auch beim Pfarrer um 6.00 Uhr das Bettzeug aus dem Fenster. Damit waren die Leute zufrieden. Und unser Pfarrer auch. Was hatte er gemacht? Er hatte sich ein zweites Bettzeug besorgt und hängte jeden Morgen jetzt dieses aus dem Fenster und kroch wieder in sein Bett und schlief weiter.

Manchmal kommt man in Gemeinden, die haben ein recht festes und starres Dienstbild von einem Pfarrer. Es ist wie ein Korsett, in das ein Pfarrer richtig hineingezwungen wird. Da ist der Pfarrer nicht mehr der Leiter oder Hirte der Gemeinde, sondern nur noch der Dienstleister: „ Du musst das so machen. So und nicht anders!“ Besonders schwierig ist das, wenn der Pfarrer in irgendeiner Form abhängig ist von der Gemeinde. Schlimm ist es, wenn ihm dann sogar bei jeder Zuwiderhandlung fast mit Entlassung oder ähnlichem gedroht wird: „Du musst das so machen, sonst …!“

Ein großer Druck besteht, wenn man einen Vorgänger hatte, der bei einigen Gemeindegliedern beliebt gewesen war. Dann hört man immer wieder die Redewendung: “Aber ihr Vorgänger hat das so, oder so gemacht” Da ist man dann sehr schnell in der Gefahr in die Rolle des Vorgängers zu schlüpfen und so zu arbeiten, wie er es tat, auch wenn es nicht der eigene Stil ist. Manchmal dauert es Jahre sich davon zu befreien. Es gibt Gemeindeglieder, die halten einen „die gute Arbeitsweise des Vorgängers“ unter Umständen sogar nach zehn Jahren vor, auch wenn sich in der Gemeinde mittlerweile vieles verändert hat.

Die Gefahr, als Pfarrer die eigene Identität im Dienst aufzugeben, ist sehr groß. Ich habe versucht, davon frei zu sein. Doch ich weiß, dass es mir nicht immer ganz gelungen ist. Ja, manchmal habe ich mich sogar stark in gewisse Rollen drängen lassen. Natürlich werde ich in gewisse Rollen gedrängt und lasse es zu, mal mehr, mal weniger. Manchmal dränge ich mich selbst hinein. Manchmal braucht es dann einen Paukenschlag, um davon frei zu werden. Bei mir war es einmal ein gesundheitlicher Paukenschlag.

Wichtig ist es darum, dass wir als Pfarrer nicht in unserem Dienst aufgehen, sondern uns Freiräume schaffen. Auch auf die Gefahr hin, bei anderen auf Widerstand zu stoßen. Um unsere Identität zu bewahren ist ein gutes Hobby hilfreich. Bei mir ist es die Informatik und das Webdesign. Ganz gern gehe ich zu Tagungen von Unternehmern und suche den Kontakt mit Menschen außerhalb von Gemeinde und Kirche. Manchmal bin ich da gern erst einmal inkognito und teste, ob man erkennt, was ich bin: Pfarrer oder „Normalo“.

Prinzipiell bin ich gern bereit die „Rolle“ eines Pfarrers zu spielen und meine Identität von meiner Arbeit und von meinem Beruf prägen zu lassen, aber eben nicht nur mit den Vorgaben der anderen. Es sollte im Dialog geschehen: mit mir, mit meiner Familie, mit meinen Freunden, mit der Gemeinde, mit Anderen und ganz besonders mit Gott. So dass am Ende in allem ich auch „Ich“ bleibe!

 

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar verfassen