Kleine Nähe, regionale Entlastung und geteilte Verantwortung
Es beginnt oft nicht mit einer Statistik, sondern mit einem Raum. Eine Dorfkirche, deren Turm seit Jahrhunderten die Mitte des Ortes markiert. Ein Gemeinderaum, in dem der Kirchenvorstand abends zusammensitzt. Eine Handvoll Menschen, die wissen, wer krank ist, wer einsam geworden ist und wer den Schlüssel zur Sakristei hat. Dort, in solchen konkreten Räumen, entscheidet sich, ob evangelische Kirche für Menschen erreichbar bleibt.
Gleichzeitig reicht diese Nähe allein nicht mehr aus. Viele Gemeinden tragen Lasten, für die sie nicht mehr gebaut sind: Haushaltspläne, Baufragen, Friedhöfe, Datenschutz, Personalverwaltung, Protokolle, Förderanträge, Gebäudesicherheit und die Erwartungen einer kirchlichen Organisation, die lange auf Wachstum oder wenigstens Stabilität eingestellt war. Die Kirche vor Ort soll Seelsorge ermöglichen, Gottesdienst feiern und Gemeinschaft stiften, wird aber oft durch Verwaltung gebunden.
Einleitung: Die Größe ist nicht die eigentliche Frage
Teil 1: Die Gemeinde vor Ort
Teil 2: Die Gemeinde neue Wege
Teil 3: Das Ehrenamt, herausgefordert in der Gemeinde
Schluss: Kleine Nähe, mittlere Gemeinschaft, große Entlastung
Endnoten und Literaturverzeichnis
Einleitung: Die Größe ist nicht die eigentliche Frage
Die evangelische Kirche in Deutschland steht vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits muss sie nüchtern wahrnehmen, dass Mitgliederzahlen, Finanzen, Personalressourcen und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten zurückgehen. Andererseits darf sie die Gemeinde nicht auf eine betriebswirtschaftliche Recheneinheit reduzieren. Kirche ist nicht zuerst ein Standortnetz, sondern Leib Christi in konkreten Beziehungen: hörend, betend, feiernd, tröstend, lernend und dienend. Wer über Gemeindegrößen spricht, spricht daher immer zugleich über Theologie, Sozialraum, Leitung, Ehrenamt, Gebäude, Mobilität, Verwaltung und geistliche Präsenz.
Die gegenwärtigen Zahlen machen den Veränderungsdruck sichtbar. Ende 2025 gehörten nach vorläufigen Angaben rund 17,4 Millionen Menschen einer evangelischen Landeskirche an. Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr lag bei etwa 3,2 Prozent. Ende 2024 waren es 17.979.849 Kirchenmitglieder in 12.014 Kirchengemeinden. Dieser Durchschnitt von ungefähr 1.500 Mitgliedern je Kirchengemeinde ist jedoch nur ein rechnerischer Mittelwert. Er verdeckt enorme Unterschiede zwischen den Landeskirchen und Regionen. Anhalt hatte Ende 2024 24.180 Mitglieder in 125 Kirchengemeinden, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland 573.777 Mitglieder in 1.734 Kirchengemeinden, Westfalen dagegen 1.885.944 Mitglieder in 431 Kirchengemeinden.[1][2][3]
Schon diese Zahlen zeigen: Die Frage „Wie groß soll eine Ortsgemeinde sein?“ lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. In manchen ostdeutschen Dörfern kann eine Gemeinde mit 150, 250 oder 400 Mitgliedern die letzte sichtbare kirchliche Präsenz sein. In westdeutschen Regionen können 2.000 oder 4.000 Gemeindeglieder in einer Gemeinde organisatorisch noch klein wirken. In der Stadt gelten wiederum andere Bedingungen als im ländlichen Raum. Ebenso unterscheiden sich Gemeinden mit vielen Gebäuden, Friedhöfen und kleinen Kirchorten von Gemeinden mit wenigen Gebäuden und starker hauptamtlicher Infrastruktur.
In vielen Gemeinden wirkt die christliche Gemeinschaft wie ein ruhiger Hafen voller Vertrautheit. Man kennt sich, man versteht sich – und fühlt sich sicher. Doch was bleibt übrig, wenn wir nur jene willkommen heißen, die uns ähnlich sind?
Die Theologin E. L. Sherene Joseph stellt genau diese unbequeme Frage: Haben wir „Gemeinschaft“ mit „Ähnlichkeit“ verwechselt? Ihre Antwort: Wahre Gemeinschaft beginnt dort, wo Komfort endet.
Diese Fragestellung bewegt mich eigentlich schon seit vielen Jahren, ja von Beginn meines Dienstes als Pfarrer, wie kann Gemeinde offen sein und nicht nur ein Kuschelclub der Erretteten.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch die Straßen Ihrer Stadt oder Ihres Dorfes. Häuser, Cafés, Schulen, Spielplätze. Menschen eilen zur Arbeit, Jugendliche sitzen auf einer Parkbank, Familien gehen einkaufen. Und dann stellen Sie sich die Frage: Wo ist hier Kirche sichtbar?
Für viele Menschen in unseren Regionen ist Kirche unsichtbar geworden – oder sie nehmen sie nur noch als Institution wahr. Sie läutet vielleicht sonntags die Glocken, aber ihr Alltag bleibt davon unberührt.
Gleichzeitig wissen wir: Gott liebt diese Menschen und möchte ihnen begegnen. Genau hier beginnt der Herzschlag von Gemeindegründung.
Gemeindegründung bedeutet nicht zuerst neue Programme oder große Gebäude. Es geht darum, neue Orte zu schaffen, an denen Menschen Gott begegnen können, und Gemeinschaften zu bauen, in denen Evangelium gelebt und geteilt wird.
Was Martin Luther zur Kirche mit vielen Gebäuden, aber wenigen Gläubigen sagen würde
Einleitung: Die Krise der Fülle
Diese Kirche in Zutphen wurde zu einer Bibliothek umgenutzt.
Unsere Kirche steht inmitten eines Widerspruchs: Sie ist reich an steinernen Zeugen der Vergangenheit – Kirchengebäude, Türme, Altäre, Orgeln – und zugleich arm an lebendiger Beteiligung. Viel Raum, wenig Leute. Viel Struktur, wenig Gemeinschaft. Was würde Martin Luther zu einer Kirche sagen, die „steinreich“ an Gebäuden, aber „arm“ an gelebter Gemeinde ist?
1. Was ist Kirche für Luther? – Keine Mauer, sondern eine Bewegung
Luthers Kirchenverständnis beginnt nicht beim Kirchengebäude, sondern beim Evangelium. Kirche ist kein Bauwerk, sondern die lebendige Gemeinschaft derer, die sich um das Wort Gottes versammeln.
Confessio Augustana VII (1530) – unter Luthers Zustimmung formuliert: „Die Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.“
Auch Luther selbst sagt: „Eine geistliche Stadt, eine Herberge des Glaubens, eine Schule des Heiligen Geistes.“ (WA 10/I, 2)
Die kirchliche Gemeinschaft gründet nicht auf Stein, sondern auf Wort. Ein Gebäude wird erst dann zur Kirche, wenn in ihm das Evangelium verkündigt wird und Menschen im Glauben zusammenkommen.
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Mir begegnen immer mehr Christen, die nicht mehr von den Landeskirchen und ihren Strukturen halten, aber die auch in den Freikirchen keinen Platz und Heimat finden. Sie schweben sozusagen im leeren Raum. Sehr oft haben sie sich an den Strukturen und an den hauptamtlichen Mitarbeitern vorort zerrieben. Dennoch ist es gar nicht so einfach, dass sie neue Heimat finden. Manchmal sind es dann noch Hauskreise, die sie auffangen und in denen sie dann ein Nischendasein fristen.
Doch das ist nicht Gemeinde im Sinne Jesu. Aber oft sind ja viele Gemeinden richtig am Boden. Der Gottesdienstbesuch tendiert zu null. Kein Gebet, keine Bibelstunde usw. mehr. Soll man sie sterben lassen. Gerade in den ostdeutschen Landeskirchen gibt es immer mehr Kirchen ohne Gemeinde. Wie gehen wir damit um? Und wenn neues, dann Gemeindegründungen?
Timothy Keller bricht diese theologische Vision in seinem Buch Center Church auf acht Elemente herunter, die uns schon einmal in der Zusammenfassung herausfordern können, darüber nachzudenken, wie wir das in unseren Gemeinden umsetzen. Er teilt die Elemente in die drei Rubriken Evangelium, Stadt und Bewegung auf.
bleibt sie eine Ruine oder wird sie eine Kirche am Wege
Wenn ich diese so nenne, ist das eigentlich schon die Zukunft vorweggenommen. Eine Zukunft, bzw. eine Hoffnung, die ich für dieses Kirchlein habe. Denn als ich das Kirchlein das erste Mal gesehen habe, da war ich richtig erschüttert. Regelrecht entkernt, keine Möglichkeit des Gottesdienstes mehr, eine Bauruine, die nach außen hin noch einigermaßen aussah, aber innen nicht mehr funktionsfähig ist, so habe ich sie vorgefunden.
Ich gebe zu, dass mir eigentlich eine Kirche als „heiliger Raum“ lieb ist. Ein Ort, wo man in einer gewissen Stille in herkömmlicher Weise, vielleicht auch in Bänken sitzend, ein meditatives Altarbild oder ein schlichtes Kruzifix vor sich. Hier kann ich Stille finden und Raum zum Nachdenken und Beten. Und solche Kirchen brauchen wir in unserem Land – viel mehr als wir haben, auch im Osten Deutschlands. Darum ist es richtig, dass die EKM sich für offene Kirchen stark macht. Wir brauchen sie, die offene Kirchen im ländlichen Raum, wo Menschen Raum zum Nachdenken, Meditieren und Beten finden. Vielleicht ist das besonders die Aufgabe der kleinen Kirchen in unserem Land.
Dann gibt es noch die großen Kirchen. Sie sind nicht unbedingt touristisch wertvoll oder sonstige Anziehungsmagnete. Auch füllen sie sich nur an Weihnachten oder nur noch an ein, zwei weiteren besonderen Festen im Jahr.
„Die Ortskirche ist die Hoffnung der Welt.“
Dieses Zitat stammt von Bill Hybels und er hat es schon vor vielen Jahren gesagt und es auch immer wieder wiederholt. Ja es ist sogar zu eine Art Oberthema geworden für alle Leitungskongresse, die Willow Creek in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland abhielt. So auch wieder für den, der in wenigen Tagen in Hannover in der TUI-Arena beginnt. Und das Interesse der Leute an den Kongressen ist ungebrochen.
Es gibt eine Geschichte aus der DDR-Zeit, ob sie so geschehen ist oder nicht, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist sie symptomatisch für diese Zeit. Einmal wurde ein Superintendent und der Pfarrkonvent zum Rat des Kreises bestellt. Damit es wenigstens den Anschein hatte, dass er sich in der kirchlichen Materie etwas auskennt und dass es ja mit der Kirche auch langsam zu Ende geht, machte der Vorsitzende des Rat des Kreises zu dem Superintendenten und den Pfarrern eine scheinbar biblisch-fromme Bemerkung: „Naja mit der Kirche ist es ja auch Matthäi am Letzten.“ Da nahm der Superintendent seine Bibel und las dem Vorsitzenden des Rat des Kreises eben Matthäi am Letzen vor:
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